Pressemitteilunge und -berichte
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Ein Heim für den Präsidenten

Der Fürstenwalder Mirko Schwanitz unterstützt mit seinem Verein Kinder aus Bulgarien. In Plovdiv wird mit finanzieller Hilfe deutscher Pateneltern ein Erweiterungsbau errichtet / von Fred Pilarski

Er sieht ein bissehen schüchtern aus, wie er da auf dem Hof des Plovdiver Kinder¬heims steht und auf seine deutsche Patenfarnilie wartet. Um den zwölf jährigen Emil herum toben die kleinen Roma-Jungs, schla¬gen Salti, stützen sich abwechselnd auf den Armen ab und wirbeln den Körper herum - eine zirkusreife Mischung von, Rap und Kasatschok. Nicht älter als sieben oder acht sind sie. Kinderelend kriegt man hier nicht fotografiert. "Nicht mehr", sagt Mirko Schwanitz. Der Vorsitzende des "Vereins zur Förderung Bulgarischer Kinderheime" spürt zunehmend das Problem: Es sieht nicht mehr wirklich schlimm aus, das staatliche Waisenhaus.

Zwar stehen auf dem Gelände noch immer einige Häuser, deren Fassaden seit dem Krieg nicht mehr gestrichen wurden. Und unter abgerissenen Fallrohren ha¬ben ässe, Frost un Gleichgül¬tigkeit große Mauerwenksecken abgesprengt. Dennoch: Der bestimmende Eindruck ist der eines nagelneuen, zweistöckigen Wohngebäudes mit hellen Zimmern und Gemei nschaftsräumen. Gegenüber steht der Rohbau eines typengleichen Hau¬ses. Seit Monaten hat sich auf der Baustelle nichts mehr bewegt. Das Vereinskonto ist so gut wie leer. Seit das alte, vergammelte Heimgebäude abgerissen ist, hat die einstso finstere Verwahranstalt ihren Schrecken verloren - aber auch ihre Anziehungskraft für viele Medien.

1997 war Mirko Schwanitz das erste Mal in dem Heim und entdeckte apathische, traurige Kinder hinter vergitterten Fenstern. Sie schliefen in riesigen, völlig kahlen Ge-meinschaftsräumen, in die es hineinregnete. "Und dann überall dieser Geruch. Schimmel und Urin. Es gab nur zwei völlig verdreckte Toiletten für jeweils fünfzig Kinder." Der Dachstuhl war einsturzgefährdet, und in etlichen Räumen bogen sich die Dielen gefährlich durch. Im Fernsehraum etwa durften sich die Kinder nur am äußersten Rand des Zimmers niederlassen. Eines Tages brach, ge¬nau unter dem Fernseher der Fußboden ein und stürzte mitsamt der Glotze in den Keller. Zum Glück waren zu diesem Zeitpunkt gerade keine Kinder im Raum.

Von Fürstenwalde aus organisiert Mirko Schwanitz - im Hauptberuf Journalist - seither Hilfstransporte und Patenschaften. 1999 wurde ein Verein gegründet. Wenig später entstand eine bulgarische Sektion, die von der Plov-diver Pharrnauntemehmerin Dona Kolewa geleitet wird. Eine reso¬lute Dame, Anfang sechzig, die viele Jahre in der DDR gelebt hat und nun mitbulgarischem Temperament und preußischer Verbind¬lichkeit die Plovdiver Bürokraten nervt. Sie ist die schärfste Waffe des Vereins.

Emils Gesicht hellt sich auf, als er die Familie sieht, die durch das Tor geschlendert kommt. Eine freundlich lächelnde Frau, ein 14- jähriges Mädchen mit dem glei¬chen offenen Gesicht und ein etwas unsicher dreinschauender Junge in Emils Alter. Eine verlegene Begrüßung - und dann setzen sie sich al¬le auf eine Bank unter einen Baum. "Ich bin genau so aufgeregt wie du", sagt Simone Junghans und bricht mit dieser Bemerkung das Eis. Die allein erziehende Sonderschullehrerin aus Erkner stellt ihre Kinder vor, Anna und Paul. Ein Dolmetscher übersetzt. Und dann muss Ernil viele Fragen beantworten. "Warum bist du erst vie¬te Klasse?" "Ich bin einmal sitzengeblieben." "Ach, das macht doch nichts. Hast du noch Kontakt zu deinen Eltern?" "Lass mal. Mit denen will ich nichts zu schaffen haben."  "Was willst du werden?" ,,Präsident. Dann kann ich vielleicht den alten Leuten helfen. Damit die nicht mehr in den Mülltonnen wühlen müssen."

Simone Junghans staunt über die Ernsthaftigkeit der Antwort. Mit 50 Euro im Jahr wird sie also die Karriere des künftigen Präsidenten Bulgariens unterstützen. Er ist einer von 92 Bewohnern des Waisenhau¬ses "Königin Maria Luisa", Waisen sind allerdings die wenigsten hier, das weiß Emils Patin schon vom Verein. Viele Eltern können kaum sich selbst ernähren - achtzig Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze.

Um das Elend selbst zu sehen, müssen die Gäste nicht lange suchen. Auf der Taxifahrt vom Hotel zum Heim hatten sie schon auffällig viele Leute beobachtet, die in Abfallen stochern. Isgriv - zu deutsch Sonnenaufgang - heißt ein heruntergekommenes Plattenbauviertel, das von wackligen Bretterbuden umstellt ist. Dazwischen Kühe, Esel und Ziegen. Kinder spielen zwischen Bergen von Müll, überall brennen kleine Holzfeuer. Der Kontrast: zum neu gebauten Heim könnte nicht größer sein.

Emil lädt seine Gäste zum Rundgang ein. Um gemeinsam in sein Zimmer zu kommen, muss sich die Gruppe allerdings ziemlich dünn machen. Denn die Tür geht nicht richtig auf, da in den Raum vier Doppelstockbetten gequetscht wurden. "Und wo sind deine Sachen?", fragt Simone Junghans. Emil öffnet einen Wandschrank und zeigt auf ein winziges Fach. Ein bisschen Spielzeug, ein bisschen Wäsche. Sein ganzer Besitz. "Wenn erst das neue Haus kommt", sagt Emil, "dann haben wir hier mehr
Platz". Emil und die anderen Heimkinder glauben an das zweite, neue Haus.

Kaum ist der kleine Rundgang vorbei, verwan¬delt sich der Hof des Heims in ei¬nen Fußballplatz. Der zwölfjährige Paul Junghans veranstaltet mit Emil eine Art Torwandschießen gegen die bröckelnde Kantinen¬mauer. Den neuen Fußball hatte er im Sportladen selbst für Emil ausgesucht, immerhin hält Paul beim MV Erkner den Kasten sauber. Mit seinen viel zu großen Schuhen trifft Emil zwar nicht immer den Ball, im Tor aber zeigt er vollen Einsatz. Beide kicken stumm, konzen¬triert und respektvoll vor sich hin, bis auch andere Kinder in das Spiel mit einsteigen.

Spenden für den Bau: Verein zur Förderung Bulgarischer Kinderheime, Berliner Bank, BLZ 10020000, Kontonummer: 4223900101
 

© Märkische Oderzeitung 22.12.2004