Pressemitteilunge und -berichte
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Unfassbarer Luxus - Nur vier Betten in einem Zimmer

von Hiltrud Müller

PLOVDIV / BERLIN Das war ein Tag! In diesem ärmlichen Kinderheim mitten in Plovdiv wurde Anfang Dezember ein heiß ersehntes Fest gefeiert: Einzug in den ersten Teil eines neuen Wohn- und Ausbildungszentrums, das die erbärmlichen Stallgebäude ablösen soll, in denen bis dahin knapp 90 bulgarische Kinder lebten. Viele haben keine Eltern mehr oder zumindest keine, die für sie sorgen könnten. Doch einige Großeltern waren neben vielen offiziellen Gästen an diesem Festtag im Heim erschienen. Und die alten Leute zeigten sich zu Tränen gerührt. Sollte sie tatsächlich Wirklichkeit geworden sein, diese großartige Idee von einem menschenwürdigen Haus? Nein, nein, sie träumten nicht: Da stand er, der strahlend weiße Neubau, der übrigens auch mit Spenden der MAZ-Leser ermöglicht worden ist. Er nimmt sich aus wie ein Fremdkörper neben den zwei anderen düsteren Flügeln des hufeisenförmigen Gebäudekomplexes, bei denen nach wie vor der Putz bröckelt, die Wände feucht und die Fenster undicht sind und überall ein widerlicher Uringeruch die eiskalten Flure durchzieht. So lebte man bisher im Waisenhaus "Königin Maria Luisa" in Plovdiv.

"Menschenunwürdig", befand nicht nur Mirko Schwanitz, ein Berliner Journalist, der 1997 den Förderverein Bulgarischer Kinderheime im Bunde mit Pädagogen, Ingenieuren und der bulgarischen Pharma-Unternehmerin Dona Koleva ins Leben rief. Seitdem konzentriert sich der Verein darauf, Gönner und Gelder zu mobilisieren, um den Waisenkindern von Plovdiv ein neues Haus zu bauen - die MAZ berichtete mehrfach darüber und ihre Leser unterstützten das Projekt. Nun ist das erste Etappenziel erreicht: Für 300 000 Mark, aufgebracht von Spendern in Deutschland und Bulgarien, wurde nach 15-monatiger Bauzeit der erste Neubau vollendet.

Ungläubige, staunende, freudige Blicke, als die Mädchen und Jungen zum ersten Mal das neue Haus betreten durften: Was, nur vier Betten in einem Zimmer?? Bisher hatten sie in riesigen tristen Schlafsälen campiert, Bett an Bett, ohne den geringsten Freiraum für Bewegung, Beschäftigung oder gemeinsame Spiele. Nun bietet das Haus alles, was ein Wohnheim braucht: Kleine Schlafeinheiten in verschiedenfarbig gestalteten Maisonettwohnungen, Teeküchen, gemeinsame Wohnzimmer mit hellem Laminatfußboden und bequemen Sitzecken, breiten Fenstern ohne Gitter - so etwas haben viele der jüngeren Kinder noch nie erlebt. Seit sie denken können, waren die Fenster der Heime vergittert. Doch kaum zu übertreffen das Entzücken der größeren Mädchen, als sie die Bäder entdeckten: Saubere, helle, geflieste Kabinen mit funktionsfähigen Duschen, glänzenden Waschbecken und blitzblanken Spiegeln an der Wand - welch ungeahnter Luxus!

Komplimente aber gab es auch von offizieller Seite. Bildungsminister Wladimir Antonossov bestätigte dem deutschen Förderverein, der übrigens längst auch sein bulgarisches Pendant unter Federführung von Dona Koleva gefunden hat, das derzeit beste humanitäre Hilfsprojekt im Bereich der Waisenhäuser Bulgariens auf den Weg gebracht zu haben. Und im Rahmen des im internationalen Jahr der Freiwilligen durchgeführten bundesweiten "startsocial"-Wettbewerbs gemeinnütziger und humanitärer Organisationen wurde das Projekt als eines der besten nominiert. "Nicht zuletzt deshalb, weil wir aus jeder Spendenmark am Ende zwei gemacht haben", resümiert Vereinsvorsitzender Mirko Schwanitz nicht ohne Stolz. "Die bulgarischen Unternehmen, die am Bau beteiligt waren, verzichteten auf den Gewinn, haben ihrerseits Dämm-Material oder Fliesen gespendet, was angesichts der wirtschaftlichen Misere in Bulgarien nicht hoch genug geschätzt werden kann." Ein Drittel der Baukosten hat die bulgarische Seite mobilisiert - "das ist immens für die dortigen Verhältnisse", hält Schwanitz fest.

Und die sind nach wie vor dramatisch. Nach einer Analyse der Weltbank vom vergangenen Jahr lebt ein Drittel der Menschen in tiefster Armut. In den letzten Jahren haben zehn Prozent der Bulgaren - insbesondere junge Leute - das Land verlassen, um sich andernorts ein Leben in Würde aufzubauen. Der Staat mit seinen lediglich 8,1 Millionen Einwohnern unterhält 123 Waisenhäuser, die chronisch unterfinanziert sind. In den letzten zehn Jahren haben sich die Ausgaben für die Kinderwohlfahrt real halbiert. Ein Erzieher, so der offizielle "Schlüssel", soll für 22 Heimkinder zuständig sein. "Doch in Wahrheit betreut ein Erzieher sechzig Kinder", so die Erfahrung des Vereinschefs.

Darum ist das neue Gebäude nur der erste Schritt für einen Wandel dieses Plovdiver Kinderheims. Wenn auch die anderen beiden Trakte erneuert sind, so soll dort unter anderem ein Therapie- und Ausbildungszentrum eingerichtet werden. Wer im harten Überlebenskampf bestehen will, muss gesund sein an Körper und Seele und einen soliden Beruf vorweisen. Das Gros der Arbeit steht also noch bevor. Und so werden wiederum Spenden gebraucht. Doch den Initiatoren ist ein ganz entscheidender Sieg gelungen: Ein jeder kann nun sehen, dass seine Spende gut angelegt wurde. Die Kinder und ihre Erzieher aber - wenngleich sie bis zur Vollendung des nächsten Bauabschnitts noch eng zusammenrücken müssen und der Anschluss ans Fernwärmenetz auch noch auf sich warten lässt - haben an diesem Weihnachtsfest ein bisschen Himmelreich auf Erden erfahren. Und Hoffnung geschöpft auf ein menschenwürdiges Leben in ihrem Land.

Verein zur Förderung Bulgarischer Kinderheime
Konto-Nr. 42 23 900 100
Berliner Bank AG
BLZ 100 200 00

© Märkische Allgemeine 04.01.2001