
Pressemitteilunge und -berichte
Hoffnung auf Bulgarisch
Mit Spenden aus Deutschland wird in Plovdiv ein Kinderheim errichtet
von Hiltrud Müller
Ostern war ein tolles Fest. Denn Osern gab es Fleisch. Emil verdreht, noch ganz hingerissen von der köstlichen Erinnerung, seine bezaubernden Clooney-Augen. Der 18-Jährige ist einer der Ältesten im Kinderheim „Königin Maria Luisa“ in Plovdiv. Dem hatte ein wohltätiger Bürger zum fest der Auferstehung ein Lamm gestiftet. Fleisch findet sich sonst nicht im Speiseplan des Kinderhauses mit dem königlichen Namen, der sich wie Hohn über dem jammervollen Anwesen ausnimmt. In einem ausgebauten, vor Altersschwäche bröckelnden Pferdestall nahe dem Fluss Maritza leben auf engstem Raum 87 Mädchen und Jungen zwischen sechs und 20 Jahren. Viele sind Waisen, etliche wurden von ihren Eltern verlassen. Und das nicht nur aus niederen Beweggründen. Denn es ist unermesslich schwer in Bulgarien, wo binnen eines Jahrzehnts ein ganzes Volk in die Armut abstürzte, eine vielköpfige Familie durchzubringen. Dann schon lieber das Kind ins Heim geben, da kümmert sich jemand. Dort gibt es wenigstens regelmäßig etwas Essbares. Auch wenn fast immer nur Brot, Bohnen, Erbsen oder Makaroni in die Blechschüsseln kommen.
Knallharte Businessfrau, weiches Herz
Mit der Begleichung der Brotrechnung, gesteht Heimleiterin Darina Kukeva, sei man einige Monate im Rückstand. Ebenso konnten Strom, Arzneimittel und hygiene-Artikel nicht bezahlt werden. Der Staat weist pro tag und Kind 70 Pfennige zu - dafür kann man nicht einmal zwei Brote kaufen. Das Bildungsministerium, dem das heim unterstellt ist, setzt darauf, dass die erzieher - zehn für 87 Kinder - auf Betteltour gehen und die Nahrung über „Sponsoring“ auftrieben. Manchmal haben sie Glück. Wie Ostern mit dem Braten. Oder mit den Tomaten von Nikolai Guntschew, der in einem Dorf bei plovdiv braches LPG-Land gekauft und einen Großmarkt für Obst und Gemüse aufgebaut hat. Guntschev ist einer der wenigen, die es gepackt haben mit dem selbstständigen Unternehmertum und sich dabei dennoch ihre solidarischen Werte bewahrten.
Zu ihnen gehört auch Dona Koleva, ein temperamentvolle Dame des neuen Business. Wo Dona Koleva auftaucht, bildet sie mit ihrer Präsenz sofort den Mittelpunkt. So auch im Kinderheim, das sie nicht aus den Augen lässt. Die heute 60-jährige Chemikerin hat in Deutschland studiert und promoviert, bevor sie der Akademie der Wissenschaften adieu sagte und nach Bulgarien zurück kehrte. „Das Wetter war unerträglich“, sagt die Koleva, als müsste sie sich für die Heimkehr rechtfertigen. Ihr Herz hängt an Bulgarien, diesem stolzen und doch so geschundenen Land. Dort wollte sie etwas bewegen, nachdem die Mauern gefallen waren. Und so gründete sie mit dem von ihrer Freundin geliehenen Geld und dem in Deutschland erworbenen Wissen den Pharmaziebetrieb BioMeda Plovdiv, der mittlerweile einen festen Platz in der Branche behauptet und erklecklichen Gewinn abwirft.
Der koleva ist die Idee zu verdanken, den Kindern vom „Königin Maria Luisa“-Heim ein neues Haus zu bauen. 1997 hatte sie den Berliner Journalisten Mirko Schwanitz kennen gelernt, der über den katastrophalen Zustand in diesem Heim und über die Suppenküchen in der Stadt, über das Ausmaß der sozialen Misere berichtete und zu dem Schluss kam: Hier muss man helfen. In der Folge riefen beide einen Verein ins Leben - Schwanitz in Deutschland, Koleva in Bulgarien. Die Vereine sollten nicht Schokoladenpäckchen oder Second-Hand-Klamotten organisieren, sondern etwas dauerhaftes schaffen.
„Wie will man in derart unwürdiger Umgebung einen kulturvollen Menschen erziehen?“, fragt Dona Koleva. „Nahrungsmittel sind schnell aufgegessen, Kleidung im Nu verwachsen. Wir müssen uns auf das Wichtigste konzentrieren.“ Folglich nahm die knallharte Geschäftsfrau mit dem weichen Herzen die gesamte Bauplanung in die Hand. Als Bauherr fungierte der deutsche Verein - besiegelt durch einen Vertrag mit dem bulgarischen Bildungsministerium. Das hat zugesichert, das Heim nach Fertigstellung 20 Jahre als solches zu betrieben, andernfalls müssten die Investitionsgelder komplett zurückerstattet werden.
Ortstermin auf der Baustelle. Ein Flügel des hufeisenförmigen, brüchigen Heimes ist abgerissen. Dort erhebt sich nun schon der Rohbau des ersten Abschnitts. Die Koleva hat einen Bauexperten mitgebracht. „Weiß ich sonst, ob das mit den Rechnungen seinen Richtigkeit hat, die mir die Firmen vorlegen?“ Doch die Kontrolle ergibt: Arbeiten im Plan, Abrechnun-gen ebenfalls. 300 000 Mark waren für den ersten Flügel veranschlagt. Man scheint sie nicht ganz ausschöpfen zu müssen. Doch um weiter arbeiten zu können, müssen nun erst wieder Spenden eingetrieben werden. Im Herbst soll der erste teil bezugsfertig sein. Einen weiteren Winter wird das Dach des alten Schuppens nicht überstehen. Der Winter ist die schlimmste Zeit für das sonnenver-wöhnte Bulgarenvolk. Da muss man heizen. Aber nicht jeder kann sich das leisten, seit die Strompreise explodier-ten. Dolmetscherin Greta, die zwei Töchter zu versorgen hat, verdient als Deutschlehrerin 200 Mrk, allein 120 Mark musste sie pro wintermonat für den Strom hinblättern. Was bleibt da noch zum Leben, selbst wenn die Lebensmittel im Vergleich zu Deutschland spottbillig sind.
Im Sommer ist das Leben nicht ganz so hart
Im Kinderheim stehen uralte rostige Heizkörper, die Fenster sind undicht. Die Stromkosten fressen das halbe Budget auf, ohne dass sich wohlige Wärme in den Zimmern halten ließe. Und in der Stadt mehren sich im Winterhalbjahr die Selbstmorde. Viele alte Menschen - die renten liegen im Schnitt zwischen 40 und 60 Mark - stehen vor der Frage: Essen oder Heizen oder Medikamente bezahlen? Alles ist lebenswichtig, alles zusammen ist unbezahlbar. Doch nun ist der Sommer eingekehrt. Im Kinderheim entspannt sich die Lage. Man kann jetzt draußen spielen. Denn in den Zimmern steht Bett an Bett, elf Betten im Schlafsaal der ältesten Mädchen. Vier abgeschabte, schwindsüchtige Büroschränke. An den Wänden ein paar knallige Poster. Sonst nichts. Der persönliche Schatz passt in einen Bettkasten. Und nur dort ist Platz dafür - kein Freiraum, kein Schreibtisch, keine private Ecke zum Zurückziehen. Spiegelscherben dienen als Frisierkommode auf einem ärmlichen Wandbord. Von den Hochglanzfotos aus „Max“ lächeln gepflegte Luxus-weibchen auf die Tristesse herab - Fenster in eine ach so ferne Welt.
Nur einem Zimmer haftet ein hauch von Großzügigkeit an: Es ist das Geschwisterzimmer. Valentin Velinov, der dieses Haus als Heimleiter durch die schweren Stürme der neunziger Jahre geführt hat, erinnert sich: „Wir hatten die Älteste zugewiesen bekommen. Sie erzählte unter Tränen, dass sie noch fünf Geschwister habe, nach denen sie sich sehnt. Sie seien auch in Heime eingewiesen worden. Aber wo? Wir haben dann im ganzen Land gesucht bis wir die Kinder alle hier bei uns hatten.“
Weil es Velinov wichtig ist, dass Geschwister nicht auseinander gerissen werden, will ernun durchsetzen, dass schon Kinder ab dem dritten Lebensjahr Aufnahme im heim finden können. Doch dazu muss erst das neue Haus fertig sein. Das bietet dann auch die Möglichkeit, in kleinen, familienähnlichen Gruppen zusammen zu leben. Doch noch wird eine Million Mark für die Vollendung des Gesamtbaus gebraucht - mit richtigen Sanitärräumen und einem Werkstatttrakt für die Berufsbildung.
Ob Velinov allerdings dies noch erleben wird, steht in den Sternen. Er wartet noch die Parlamentswahlen am 17. Juni ab. Er setzt auf keine der korrupten Parteien, die Bulgarien bloß immer tiefer in den Ruin getrieben haben. Velinovs Favorit sind weder die Sozialisten noch die ODS, die Vereinigung der sogenannten demokratischen Kräfte. Er setzt, wie viele verzweifelte Bulgaren, auf den Ex-König. Die letzte Hoffnung. „Der“, sagt Velinov, „ist ein intelligenter, weltläufiger Mann. Er hat Geld und muss sich nicht auch noch auf unsere Kosten bereichern.“
Der Exil-König als Messias
Und nicht zuletzt habe er einflussreiche Freunde im arabischen Raum. „Für die ist es ein Griff in die Portokasse, wenn sie den einen oder anderen Betrieb in unserem Land sanieren. Dann, dann muss es doch wieder aufwärts gehen.“ Der Messias also.
Bleibt er aus, wird Velinov seinem Land den Rücken kehren. Wie es schon Abertausende vor ihm gemacht getan haben. Der Exodus hat dramatische Ausmaße angenommen: Lernen, arbeiten, Schindern im Ausland, um die Familie über Wasser zu halten. Velinov, der drei Kinder groß zu ziehen hat, schießen die Tränen in die Augen. „Es ist eine Schmach, dass man seinen Kindern mit ehrlicher Arbeit keine Ausbildung ermöglichen kann.“ Darum hat er sich einen harten Job ausgesucht. Er will auf eine Ölplattform nach Alaska ziehen. Obwohl er nicht mehr der Jüngste ist und sich vor Sehnsucht nach seiner Familie, seinem Heimatland verzehrt.
Verein Zur Förderung Bulgarischer Kinderheime e.V.
Am Goldmannpark 47
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© Märkische Allgemeine 26.05.2001






