Pressemitteilunge und -berichte
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Ans Meer fahren nur die Reichen

Ein deutscher Verein hilft Kindern eines Waisenheimes im bulgarischen Plowdiw

Von Jutta Schwengsbier

Manchmal zeichnen Flugzeuge Pfeile an den Himmel, leuchtende Schäfte mit silbernen Spitzen. Richtung Meer zeigen sie, dorthin, wo es Hotels geben soll, frittierte Fische, die beim Zerkauen im Mund leise knistern, auch Coca Cola natürlich. Und einen Goldstrand. Aber das glaubt Pettar nicht. Einen goldenen Strand? Dann würden doch alle dorthin fahren und reich zurück kommen? Dabei ist es umgekehrt, das weiß er genau. »Nein, nein ans Meer fahren nur noch die Reichen.«

Pettar ist elf Jahre alt und lebt im Waisenhaus »Königin Maria Luisa« in Plowdiw, Bulgariens zweitgrößter Stadt. »Noch vor ein paar Jahren«, erzählt Darina Kukewa, »fuhren wir mit den Kindern immer ans Schwarze Meer. Dafür reicht das Geld längst nicht mehr. Aber die Kinder träumen vom Meer.« Darina Kukewa ist Leiterin des Heims, in dem sich gleichsam die Probleme ganz Bulgariens spiegeln.

In dem Balkanland liegt die Arbeitslosenquote bei 18 Prozent, tatsächlich aber ist sie weitaus höher. Der offizielle Minimallohn beträgt umgerechnet 79 Mark. Glücklich, wer wie Darina Kukewa 170 Mark verdient – und sie regelmäßig gezahlt bekommt. Im Winter schnellen die Heizungskosten für eine Zwei-Raum-Wohnung auf 60 Mark im Monat, der Strom kostet um 15 Mark.

Jedes der Kinder hat Schreckliches erlebt

»Zwielichtige Privatisierungen, Korruption und Vetternwirtschaft haben unser Volk in nur zehn Jahren in Armut gestürzt«, sagt Darina Kukewa. »Für die Schwächsten der Gesellschaft, die Kinder, ist das verheerend. Die Folgen sehe ich jeden Tag in meinem Waisenhaus. Wir haben hier nicht nur Kinder, deren Eltern gestorben sind. Viele können ihre Kinder einfach nicht mehr ernähren. In den schlimmsten Fällen wurden die Kinder misshandelt oder einfach auf die Straße geschickt. Zukunftssorgen und Perspektivlosigkeit haben die Menschen sehr verändert. Jedes der Kinder hat Schreckliches erlebt.«

Pettar und seine Schwester Christina zum Beispiel. »Sie mussten mit ansehen, wie ihre Mutter vom Stiefvater erschlagen wurde«, erzählt Erzieher Valentin Welinow, der gleichzeitig mit der Polizei zum Tatort gerufen wurde. »Als ich kam, saß Pettar auf dem Bett und wollte seine Mutter nicht loslassen. Sie war in seinen Armen verblutet. Christina hatte sich unter dem Tisch versteckt.«

Kahle Wände. Zwölf Betten. Möbel wie vom Sperrmüll. Nirgendwo Spielzeug. Es riecht nach Urin. Das ist das neue Zuhause von Pettar und Christina. Knapp 50 Mädchen teilen sich eine Toilette und ein paar tropfende Wasserhähne. Vor einer Spiegelscherbe werden Haare gekämmt. Die abgenutzten Teppiche können nicht verdecken, dass der Fußboden bereits bedrohlich durchhängt. Ebenso die Zimmerdecke. »Eigentlich«, sagt Valentin Welinow, »ist es lebensgefährlich, hier zu wohnen. Die Gebäude sind über 100 Jahre alt und wurden ursprünglich als Pferdeställe errichtet, seit gut 80 Jahren werden sie als Waisenhaus genutzt. Die Dachziegel liegen auf einem von einem Schwelbrand verkohlten Dachstuhl.«

»Zurzeit leben 87 Kinder bei uns. Pro Tag und Kind bekomme ich 70 Pfennige. Das reicht nicht mal für zwei Brote pro Kind. Und Brot ist unser Hauptnahrungsmittel. Fleisch gibt es nur, wenn es uns gespendet wird. Gleiches gilt für Obst und Gemüse. Weil die Vitamine fehlen, haben viele Kinder eine labile Gesundheit.« Das karge Budget zwingt die Erzieher zu Betteltouren bei Firmen oder Neureichen, die nicht selten auf dubiose Weise zu Geld gekommen sind. »Es ist erniedrigend. Nicht nur für uns, auch für die Kinder. Die Jungen betteln um einen Fußball, die größeren Mädchen um Tampons. An Reparaturen wagten wir schon lange nicht mehr zu denken, als plötzlich Hilfe kam«, sagt Darina Kukeva und schaut aus dem vergitterten Fenster.

»Ich habe mich für mein Land geschämt«

Wo sich noch vor Monaten der linke Flügel des hufeisenförmigen Gebäudekomplexes befand, wächst ein neues Gebäude. Begonnen hat alles mit einem Zufall. Der führte vor vier Jahren den Fürstenwalder Journalisten Mirko Schwanitz und die bulgarische Unternehmerin Dona Kolewa ins Heim. »Während sich in Rumänien mit ausländischer Hilfe die Bedingungen in den Kinderheimen langsam verbessern, haben sie sich in Bulgarien seit 1989 dramatisch verschlechtert. Die eigentliche Katastrophe aber ist, dass dies nicht wahrgenommen wird.« Frau Kolewa hat in Deutschland studiert und promoviert. Zurück in Plowdiw baute sie die Biomeda Ltd., ein florierendes Pharma-Unternehmen, auf. »Als ich dieses Heim sah, habe ich mich das erste Mal für mein Land geschämt. Wie sollen in einer unwürdigen Umgebung aus Kindern kulturvolle Erwachsene werden? Und was sollen Jugendliche von einem Land halten, das sie in so erbärmliche Unterkünfte steckt?«

Dem Besuch folgte zunächst ein Hilfstransport. Doch auch ein 40-Tonnen-LKW mit Spenden löste das eigentliche Problem nicht: den drohenden Zusammenbruch der Gebäude. »Irgendwann sind Kleidung verschlissen, Spielzeug kaputt und Lebensmittel aufgegessen«, weiß Schwanitz. Deshalb gründete er, selbst Vater von drei Kindern, mit Freunden schließlich den Verein Zur Förderung Bulgarischer Kinderheime e.V., die erste deutsche Hilfsorganisation, die sich langfristig um die Verbesserung der Situation in bulgarischen Kinder- und Waisenheimen bemühen will. Spenden für ein kaum beachtetes Land zu sammeln, ist ein schwieriges Unterfangen. »Obwohl seit Jahren Top-Ziel großer deutscher Reiseveranstalter, ist Bulgarien im Westen so gut wie unbekannt. Und für die ehemaligen DDR-Bürger existiert das Land, einst Ziel ganzer Urlauberscharen, nur noch als sonnige Erinnerung. Den Medien ist nicht selten die Not der in Bulgarien gehaltenen Tanzbären eher einen Bericht wert, als die Not der Menschen.«

Bevor mit dem Bau begonnen werden konnte, musste sich der Verein mit merkwürdigen Geschehnissen in Bulgarien selbst auseinandersetzen. Plötzlich wurde mehrfach der Heimleiter gewechselt. Qualifizierte Erzieher wurden durch Leute ersetzt, die noch nie ein Kinderheim geführt hatten und nicht die nötige pädagogische Ausbildung besaßen. Gerüchte wurden gestreut, das Heim solle geschlossen werden. Es hieß, auf dem lukrativen Grundstück zwischen Messegelände und bezaubernder Altstadt, sei ein Geschäftszentrum geplant. Anwohner wurden angestiftet, Einspruch gegen das Bauvorhaben einzulegen. Aufgegeben hat der Verein deshalb nicht. »Die Stadt Plowdiw hat uns unterstützt und nach harten Verhandlungen konnten wir auch einen Vertrag mit der bulgarischen Regierung abschließen. Sofia sichert die Existenz des Heimes für weitere 20 Jahre zu und verpflichtet sich, alle Investitionen zurückzuzahlen, wenn der Vertrag von bulgarischer Seite nicht eingehalten wird.«

Auf die Internet-Seite des Vereins können Sponsoren den Eingang ihrer Spenden überprüfen und den Weg des Geldes verfolgen. »Wir wollen damit Transparenz zeigen, die wir uns selbst von anderen Hilfsorganisationen wünschen«, erklärt Schwanitz. »Bedauerlicherweise stellen die EU und viele Stiftungen für den Neubau von Waisenhäusern keine Mittel bereit. Dafür wurde uns für die Ausbildung der Erzieher so viel Geld angeboten, dass wir damit das halbe Bauprojekt sofort hätten finanzieren können. Abgesehen davon, dass die bulgarischen Erzieher im Allgemeinen sehr qualifiziert sind; was nützt es, wenn ihnen die Waisenhäuser über dem Kopf zusammenfallen?«

Nur wie das Märchen vom goldenen Strand?

Inzwischen ist der Rohbau des linken Flügels fast fertig. »Je weiter die Arbeiten voranschreiten, um so mehr bulgarische Geschäftsleute sind bereit, uns zu helfen. Nicht immer mit Geld. Das ist bei uns nach wie vor knapp. Aber mit Arbeitskräften, Maschinen und Material zum Beispiel, damit wir die Baukosten reduzieren können«, berichtet Dona Kolewa. »Unternehmer fangen offenbar an zu begreifen, dass auch sie eine soziale Verantwortung tragen.« Wenn die Montage des Dachstuhls beginnt, wird eine Brauerei das Holz dafür bezahlt haben.

Doch ohne den deutschen Verein wäre an das Projekt nicht zu denken. Dank seiner Spendensammlung wird nicht nur Wohnraum entstehen. Auch ein Frisier- und Kosmetiksalon, eine kleine Autowerkstatt und eine Bäckerei sind geplant. Sie sollen den Jugendlichen eine Berufsausbildung und dem Heim die Erwirtschaftung eigener Mittel ermöglichen.

Als nächsten Schritt will der Verein weitere 100000 Mark für den Innenausbau sammeln. Und schon wird überlegt, ob im sonnenreichen Bulgarien nicht eine Solaranlage auf dem Dach nützlich wäre. »Damit ließe sich der größte Kostenfaktor des Heimes, die Stromrechnung, auf einen Schlag halbieren. Aber bisher haben wir dafür keinen Sponsor gefunden«, sagt der Vereinsvorsitzende. Knapp eine Million Mark werden für die Vollendung des Gesamtgebäudes benötigt.

Von diesen Problemen wissen Pettar und Christina natürlich nichts. Sie ziehen Darina Kukewa gerade die Treppen des Rohbaus in den zweiten Stock hinauf. »Wenn es fertig ist«, ruft Pettar, »möchte ich in diesem Zimmer hier wohnen.« Die Heimleiterin nickt: »Ein helles Zimmer wird es sein. Und du wirst es dir nur mit drei anderen Jungen teilen müssen, nicht mehr mit zwölf. Jeder wird seinen Schrank, seinen Stuhl und genug Platz zum Spielen haben. Richtige Bäder und Duschen wird es auch geben.« Aber das glaubt Pettar doch nicht. Es klingt zu sehr nach dem Märchen vom goldenen Strand.

Wer helfen möchte:
Spendenkonto 4223900100
Berliner Bank (BLZ 10020000)

Verein Zur Förderung Bulgarischer Kinderheime e.V.
Am Goldmannpark 47
12587 Berlin
Tel. 030/6453947

© Neues Deutschland 16.06.2001