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Praktikantenaustauschprogramm erfolgreich gestartet

Die bulgarischen Erzieher wollen und brauchen unsere Unterstützung

Mein Name ist Johanna Röhl. Ich habe an der Georg-August-Universität Göttingen Pädagogik, Soziologie und Geschlechterforschung studiert und im Februar mein Studium beendet. Im Anschluss an mein Studium wollte ich, um praktische Erfahrungen zu sammeln, eine zeitlang in einer pädagogischen Einrichtung im Ausland arbeiten. Durch eine Internet-Recherche stieß ich auf den Verein Zur Förderung Bulgarischer Kinderheime e.V.. Erfreulicherweise erhielt ich am selben Tag meiner Bewerbung eine Antwort und so kam es, dass ich im Februar 2009 ein vierwöchiges Praktikum im Kinderheim "Vasil Petleshkov" in Bratzigovo absolvieren konnte.

Schon von Beginn an war die Herzlichkeit und Gastfreundschaft des Heimpersonals und der Kinder überwältigend. Kaum angekommen, wurde ich von einer Gruppe Kinder begeistert durchs Haus geführt. Ihre Offenheit und Neugier beeindruckte mich, vor allem ihre Wissbegierde über mich und mein Leben in Deutschland. Besonders fasziniert waren die Kinder von der fremden Sprache und studierten äußerst interessiert mein Wörterbuch. Dieses Interesse ließ auch in den restlichen vier Wochen meines Praktikums nicht nach. Begeistert brachten sie mir bulgarische Wörter bei. Rückblickend scheint mir das besonders wichtig, weil die Kinder dadurch selbst etwas weitergeben konnten, was sie mit Stolz erfüllte. Für ihren Selbstwert war der kulturelle Austausch mit Sicherheit sehr förderlich.

Die Herzlichkeit der Erzieher und der Heimleiterin erleichterten mir mein Einleben enorm. Trotz der oft schwierigen Umstände im Heim und der vielen persönlichen Schicksalsschläge der Kinder, mit denen sie konfrontiert sind, sprach eine große Lebensfreude aus ihnen. Mich haben die Lebensgeschichten und Schicksale der Kinder tief berührt. Sie sind mir in der Zeit meines Aufenthaltes sehr ans Herz gewachsen. Der Abschied fiel mir nicht leicht. Ich habe viel gelernt und bin mit einem reicheren Erfahrungshorizont heimgekehrt.

Zur Zeit meines Aufenthaltes lebten ungefähr 50 Kinder und Jugendliche im Alter von sieben bis achtzehn Jahren in der Einrichtung. Sie teilen sich, entsprechend der Altersgruppen, Vier- bis Sechsbettzimmer, wobei von der Heimleitung darauf geachtet wird, dass Geschwister gemeinsam in einem Zimmer wohnen. Die Räume werden von den Kindern und Jugendlichen selbstständig dekoriert. Die Zimmergestaltung der kleineren Kinder hat mich nachdenklich gestimmt, weil das persönliche Ambiente fehlt. Das motivierte mich, mit den Kindern gemeinsam Bilder zu malen und den Zimmern dadurch ein wenig mehr Freundlichkeit und Farbe zu geben. Getroffen hat mich, dass sich einige Kinder ein Bett teilen müssen.

Die Gesundheitserziehung mehr fördern – viele Kinder haben schlechte Zähne

Der Tagesablauf in dem Heim ist stark strukturiert, was für die Kinder sicher sehr gut ist. Diese Strukturen geben ihnen Halt und Sicherheit in einem geregelteren Leben, das viele von ihnen vorher nicht kannten. Aufstehen müssen alle um 6 Uhr. Die Kleinen werden beim Anziehen und bei den morgendlichen Abläufen von Betreuern unterstützt. Jedoch schien es mir manchmal, dass auf bestimmte Dinge noch besser geachtet werden könnte. Viele Kinder haben äußerst schlechte Zähne, was sicher die verschiedensten Ursachen hat, zum Beispiel eine ungesunde Lebensweise vor dem Heimaufenthalt. Das Betreuungspersonal - im Übrigen sind das in Bulgarien nicht immer nur Erzieher - kontrolliert hier, meiner Meinung nach nur ungenügend. Vielleicht könnte im Rahmen eines Qualifikationsprogramms gemeinsam beraten werden, wie man die Gesundheitsvorsorge verbessern und die Kinder motivieren könnte, ihrer Körperpflege selbst mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Ab 7 Uhr gibt es Frühstück im für mich doch sehr düsteren Speisesaal. Dieser Saal wäre eine der ersten Sachen, die ich verändern würde, wenn ich könnte. Mit Licht und Farbe könnte man hier schon einiges machen, aber es fehlen wie so oft die finanziellen Mittel. Das Frühstück an sich ist ausreichend und abwechslungsreich. Generell würde ich mir für die Kinder mehr Obst und Vitamine wünschen.

Nach dem Frühstück achten die Erzieher darauf, dass alle Kinder den Schulweg antreten. Die Kinder gehen je nach Alter in die verschiedenen Schulen des Ortes. Nur die Kleinsten, also die sieben- bis zehnjährigen, werden von einem Betreuer bis zur Schule begleitet. Um 12 Uhr, wenn die Schule aus ist, nimmt ein Erzieher die Kinder in Empfang. Die älteren Jugendlichen kommen meist gegen 13 Uhr aus der Schule. Gleich nach der Ankunft der Gruppen steht das Mittagessen bereit, das in der heimeigenen, ziemlich veralteten Küche zubereitet wird. Schon jetzt, so erfuhr ich, freut man sich hier über die moderne Berufsausbildungsküche, die der Verein zur Förderung Bulgarischer Kinderheime hier einrichten will. Noch aber mag niemand daran so richtig glauben.

Das Mittagessen ist sehr vielfältig und wird täglich frisch zubereitet. Den Kindern schmeckt es immer sehr gut und ich habe kein Kind getroffen, das nach dem Essen noch hungrig gewesen wäre. Ich war beeindruckt, wie selbstständig die kleinen Kinder trotz Beaufsichtigung essen müssen. Gleichzeitig habe ich jedoch beobachtet, dass der Herausbildung richtiger und gesunder Essengewohnheiten mehr Aufmerksamkeit seitens der Aufsicht geschenkt werden müsste. So essen die Kinder häufig nur den Nachtisch und lassen das Hauptgericht stehen.

Das Essen ist nicht nur hervorragend, sondern auch gesund

Dem Mittagessen folgt in der Zeit von 14.00 bis 15.30 Uhr die Gruppenbetreuung der Kinder und Jugendlichen. Eine Herausforderung für das Erzieherpersonal, denn es gibt 10 Kleingruppen, die jeweils von einem Betreuer geleitet werden. Gemeinsam machen sie mit den Kindern Hausaufgaben. Aber auch gemeinsames Spielen oder Ausruhen ist in diesen Gruppen möglich. Vier Wochen lang habe ich fast täglich an dieser Beschäftigung teilgenommen und konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Betreuung eher Beaufsichtigungscharakter hat. Es gibt offensichtlich keine Pläne, welche Art Förderung man den Kindern anbieten will. Zumindest während meines Aufenthaltes war die kreativ angeleitete Gruppenarbeit oder fördernde Einzelbeschäftigung die Ausnahme. Ich denke, dass eine Qualifizierung, die auch ohne großen finanziellen Aufwand möglich ist, für die Erzieher sehr hilfreich sein könnte. Sie würden solche Angebote sehr gern annehmen.

Ich selbst habe versucht, die Kinder durch einfache Übungen wie Memory- oder Kartenspielen, bei denen es um die Vermittlung von Zahlen oder Rechenfähigkeiten ging, spielerisch zu fördern. Die Kinder haben immer begeistert teilgenommen. Es ist grundsätzlich nicht schwer, sie zum Mitmachen zu bewegen. Sie sind für jegliche Abwechslung dankbar. Mit kleinem Aufwand können hier, denke ich große Effekte erzielt werden, die für beide Seiten, Erzieher wie Kinder motivierend wirken können. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sich das Personal nicht jede erdenkliche Mühe gibt. Der Austausch zwischen den Betreuern und den Kindern ist tiefgehend und emotional. Die Erzieher bieten durchaus zahlreiche verschiedene Projekte an. So wurden beispielsweise zum Zeitpunkt meines Praktikums einige Handarbeitskurse angeboten. Es wurde gemeinsam gekocht und gebacken. Diese Erlebnisse sind für die Kinder bedeutsame Erfahrungen, weil sie selbstständig Erfolge erzielen und dabei Spaß haben.

 Zweimal in der Woche kommt ein Tanzlehrer, der den Kindern in zwei Gruppen bulgarische Volkstänze beibringt. Es war für mich spannend zu sehen, mit was für einer Begeisterung die Kinder und Jugendlichen ihre Traditionen und Bräuche pflegen. Das hat mich stark beeindruckt. Da die Jugendlichen natürlich auch moderne Musik, zum Beispiel Hip-Hop, hören, könnte man über einen solchen Tanzkurs nachdenken. Sie würden sich sicher über ein solches Angebot freuen.

Den Kindern noch mehr Angebote machen – das muss nicht immer teuer sein

Sobald das Wetter mitspielt, bietet der Platz vor dem Heim die Möglichkeit zum Fußballtraining. Solche Sportprojekte sind nicht nur für die Gesundheit wichtig, sondern auch, um Aggressionen abzubauen. Wünschenswert wäre in diesem Zusammenhang ein angeleitetes Anti-Aggressions-Training, da die Kinder und Jugendlichen zum Teil nicht ausgeglichen wirken. Aber die Sportmöglichkeiten, die das Heim bietet, werden von den Kindern reichlich genutzt. Das hat mir gut gefallen.

Zwischen 18 und 19 Uhr gibt es Abendbrot. Über die Qualität des Essens war ich wirklich erstaunt. Es ist ebenso wie das Mittagessen sehr abwechslungsreich. Ein Gericht, was mir in Erinnerung geblieben ist, sind Kartoffelsalat und Fisch. Das Essen schmeckt demnach nicht nur gut, sondern ist auch gesund. Insgesamt bei allen Mahlzeiten ist mir aufgefallen, dass die Kinder wenig trinken. Darauf sollte mehr geachtet werden.

Nach dem Abendessen ist Freizeit angesagt. Jeder kann tun und lassen, was er will. Doch so einfach scheint das nicht zu sein. Der große Andrang auf den ausgezeichnet ausgestatteten Computerraum hat sicher nicht allein etwas mit der Faszination von Computerspielen zu tun, sondern hängt auch mit einem Mangel an Alternativen und fehlenden Angeboten am Abend zusammen. Ich habe gerade während dieser Zeiten versucht, die Kinder durch kreative Spiele zu fördern und so ihre Sozialkompetenz zu stärken. Da sie dabei immer begeistert mitmachten ist anzunehmen, dass die langen Spielzeiten vor dem Computer durch gemeinsame Aktivitäten und eine sinnvollere Beschäftigung ersetzt werden können.

Um 20 Uhr geht ein Tag im Kinderheim "Vasil Petleschkov" langsam zu Ende. Das Abendpersonal hilft den kleinen Kindern bei der abendlichen Körperpflege und gegen 21 Uhr gehen sie ins Bett. Die älteren Jugendlichen sollen eigentlich 22 Uhr im Bett sein, was wie in jeder Familie auch nicht immer umsetzbar ist.

Ich danke allen Erziehern, Betreuen, den Küchenfrauen und Kindern die mich mit offenen Armen empfangen haben. Trotz der Sprachprobleme haben wir immer einen Weg gefunden uns zu verständigen. Ich habe viel von ihnen gelernt. Noch immer denke ich darüber nach, was sie mir über ihre Probleme, insbesondere die der Heime in Bulgarien erzählt haben. Sie sind mir in den vier Wochen sehr ans Herz gewachsen und ich werde die Zeit bei ihnen nicht vergessen und sicher noch einmal wiederkehren.
Nina Naydenova, die engagierte Heimleiterin, hat mir gegenüber immer wieder betont, wie sehr sie daran interessiert ist, dass mehr Praktikanten aus deutschen Hochschulen in ihr Heim kommen. Ich hatte den Eindruck, dass junge Menschen hier wirklich etwas geben, aber auch unheimlich viel mitnehmen können. Ich kann nur alle Studenten ermuntern, ein solches Praktikum zu machen. Auch deshalb, weil die Betreuung durch den Verein Zur Förderung Bulgarischer Kinderheime sehr hilfreich ist.
Wer Fragen hat, kann sich jederzeit an mich wenden: johanna-roehl@web.de.

Eure Johanna Röhl

 

 

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Jede Zuwendung und Aufmerksamkeit nehmen die Kinder gern an. Es kostet wenig Mühe, sie zu motivieren. Egal ob beim Spielen oder wie hier bei den Hausaufgaben...

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Das sich einige der kleinsten Kinder ein Bett teilen müssen, hat mich tief getroffen. Auch das die Zimmer sehr kalt wirken, vermittelt nicht gerade ein Gefühl der Geborgenheit. In solchen Räumen hält sich kein Kind gerne auf...

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... in solch einer Atmosphäre bekommt ein Teddy eine ganz besondere Bedeutung. Ihm kann sie alle Sorgen und Nöte anvertrauen...

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...Auch mit wenigen Mitteln kann man viel tun - zum beispiel Bilder malen, mit denen man die Zimmer freundlicher gestalten kann. Jedes Angebot, das ich den Kindern machte, haben sie dankbar angenommen...

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... Auch wenn ich mir für die Kinder mehr Obst und Gemüse wünschen würde - das Essen ist immer ausreichend und schmeckt hervorragend. Ein Lob den Küchenfrauen, die sich viel Mühe geben, den Kindern immer etwas Leckeres zu zaubern...

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... Die Betreuer geben sich Mühe, den Kindern verschiedene Angebote zu machen. Beliebt sind die Näh- und Stickkurse. Auch sie tragen zur Abwechslung im Heim bei. Ebenso wie...

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...die Tanzkurse, die zweimal in der Woche stattfinden. Mich hat beeindruckt, mit wie viel Begeisterung die Kinder ihre traditionellen Tänze lernen. In Deutschland wäre so etwas kaum vorstellbar...

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Nie werde ich die Herzlichkeit und Gastfreundschaft vergessen, mit der ich von Erziehern und Kinder aufgenommen wurde. Alle lassen sich gern fotografieren, so wie diese Kinder und Jugendlichen direkt hinter dem Heim auf dem Fußballplatz, den die Kinder natürlich nutzen könnnen...