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"Die Kinder sind das leichteste Opfer des Bösen" - Interview mit der Psychologin Renete Veneva über die Situation der bulgarischen Jugendfürsorge

In Bulgarien erschütterten in den letzten Monaten zwei Morde die Öffentlichkeit. In beiden Fällen haben Jugendlich andere Jugendliche ermordet. In Varna brachte ein Junge seine ehemalige Freundin aus verschmähter Liebe um. In Pernik wurde ein Junge von einem Mitschüler auf brutalste Weise umgebracht. Seitdem gibt es eine Diskussion darüber, was schief läuft in der Gesellschaft, welche Versäumnisse es in der Jugendarbeit gegeben hat.

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Reneta Veneva gehört zu den Pionieren einer Gruppe von Plovdiver Psychologen, die vor 20 Jahren als erste mit schulpsychologischer Arbeit in Bulgarien begonnen haben. Seit zehn Jahren leitet sie die „Nationale Allianz für die Arbeit mit Freiwilligen“ und das Programm „Großer Bruder, große Schwester“. Sie hat zahlreiche Spezialisierungen im Ausland absolviert und ist führend bei der Errichtung einen Netzes von Gemeindezentren zur sozialen Unterstützung.Die Psychologin ist zugleich Exekutiv-Direktorin der „Nationale Alliance for Volunteers Action“, einer der wenigen bulgarischen Nichtregierungsorganisationen, die seit Jahren erfolgreich auf dem Gebiet der Jugendsozialarbeit tätig sind.

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Wie analysiert die Psychologin, die letzten erschütternden Tragödien mit Kindern und Jugendlichen, die Morde in Varna und Pernik?
 

Das Traurige ist, dass wir die Erklärungen immer erst suchen, wenn die Tragödien bereits geschehen sind. Das Geschehen hat immer eine Vorgeschichte. Man hätte diese tragischen Ereignisse verhindern können, wäre die Gesellschaft früher aktiv geworden. Wir als Gesellschaft erfahren und kommentieren in der Regel jene 40, vielleicht 50 Fälle, die am drastischsten sind. Fälle, die nicht vertuscht werden konnten. Die Gewalt Erwachsener gegenüber Kindern, aber auch von Kindern gegenüber Kindern ist in Bulgarien Alltag. Die notwendigen Maßnahmen aber, die das verhindern würden gehören in unserem Land nicht zur Tagesordnung.

Aber so etwas passiert nicht nur in Bulgarien. So etwas passiert auch in den ordentlichsten, zivilisiertesten Staaten, nehmen wir nur die sogenannten Schulmorde in den USA oder in Deutschland.

Das stimmt schon. Das passiert auch in anderen Ländern. Die Frage ist aber, was für ein Netz existiert, das sich der Gewalt widersetzen kann? Welche Unterstützung erhält ein Kind oder ein Erwachsener , wenn es Probleme gibt? Was für Angebote werden Jugendlichen oder Erwachsenen gemacht, die nicht imstande sind, ihre Probleme alleine zu lösen? Kurz – es geht um die Frage: Welche präventiven Mechanismen gibt es in einer Gesellschaft um dem Bösen vorzubeugen? Wer unterstützt die Institutionen, um den Opfern zu helfen?

Immerhin redet man in den letzten Jahren in Bulgarien sehr viel über diese Dinge – Sie wollen doch nicht behaupten, dass sich die Praxis seitdem nicht geändert hat?

In Bulgarien gibt es absolut kein soziales Netz, keine Vernetzung, keinen institutionellen Rahmen, der einen jungen Menschen oder dessen Familie zu unterstützen im Stande ist. Natürlich leisten wir Hilfe. Wir schicken einen Psychologen zu den betroffenen Kollegen der ermordeten Studentin in Varna. Aber: Diese jungen Leute, die Täter hätten viel früher Zugang zu Psychologen haben müssen. In diesem Fall hat sich eine unerwiderte Liebe, in dem Jungen allmählich und langsam in negative Emotionen verwandelt und zu einem Aggressionsstau geführt. Die Familie des Täters mag die Veränderung ihres Sohnes bemerkt haben. Aber sie hätte lange und dann vergeblich nach einer Stelle gesucht, bei der sie sich Rat und Hilfe hätte holen können. Der Zugang aber zu genau solchen Beratungsstellen müsste jedem Bürger leicht gemacht werden und es müsste überall bekannt sein, wo und wie solche Stellen zu finden sind. Sagen sie mir bitte, wie in unserer Stadt, in Plovdiv, ein Jugendlicher entdeckt werden könnte, der ähnliche Probleme mit sich herumträgt? Wer garantiert uns, dass heute nicht hier oder morgen in einer anderen Stadt wieder etwas Ähnliches passiert?

Wo sind solche Stellen zu finden?

Sprechen wir von der Stadt Varna an der Schwarzmeerküste: Dort passiert wirklich etwas. Dort hat die Stadtverwaltung eine Strategie zur Arbeit mit Jugendlichen und im Haushalt werden jährlich auch ausreichend Mittel für diese Sozialarbeit zur Verfügung gestellt. Es gibt „Zentren öffentlicher Unterstützung“ und „Zentren für soziale Leistungen“. Es gibt also durchaus eine Akzeptanz des Problems. Das Problem scheint zu sein: Man hat zwar Prioritäten der Arbeit festgelegt, dabei aber vergessen, dass das System flexibel bleiben muss. Das hat zur Folge, dass man die Arbeit nicht logisch und Stück für Stück aufbaut, das man nicht danach strebt, auch alternative Angebote zu schaffen, um so das Netz allmählich enger zu knüpfen. Dieses Netz muss die Jugendlichen nämlich nicht nur beraten, wenn sie Hilfe brauchen, es muss auch darauf ausgerichtet sein, ihnen zu zeigen, auf welche Art und Weise sie ihre Freizeit sinnvoll nutzen können. Ähnlich verhält es sich mit Stara Zagora…

Und wie verhält es sich mit Plovdiv?

Hier ist es eben nicht so. Es gibt zwar in den letzten zwei Jahren eine gewisse Verbesserung. Aber die ist zu klein und zu schwach. Die Gemeinde Plovdiv hat kein funktionierendes Konzept, wie sie die heranwachsenden jungen Leute in der Stadt begleiten möchte. Der Dialog mit den NGOs und den jungen Leuten selbst ist eher administrativ. Die Zentren, die angefangen haben, Sozialleistungen anzubieten oder die, die solche Leistungen erbringen wollen, geben in dieser Stadt nach und nach auf.

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"DIE   PASSIVITÄT   DER   PLOVDIVER    BEHÖRDEN   IST   UNERKLÄRLICH"

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Warum passiert das?

Weil eben kein echter Dialog mit der Stadtverwaltung stattfindet. Ich bin persönlich auch verunsichert, obwohl unser Team eine bedeutende und breitgefächerte Praxiserfahrung besitzt und obwohl wir landesweit erfolgreiche Projekte haben. Warum ist es möglich, dass wir z.B. mit den Kinderheimen in Bratsigovo oder an anderen Orten arbeiten können, mit den Kinderheimen in Plovdiv aber funktioniert das nicht. Warum hat eine Gemeinde wie Smoljan, die wesentlich kleiner ist als Plovdiv allein 43 funktionierende Projekte, in Plovdiv aber kein einziges? Sogar in ganz kleinen Gemeinden wie Hisar gibt es elf Projekte und eine ganze Reihe davon erbringen soziale Leistungen. Die Gemeinde Plovdiv wird in bulgarischen Psychologenkreisen, auf Tagungen und Konferenzen als Beispiel dafür angeführt, wie man es nicht machen sollte, wie die vorhandenen Möglichkeiten nicht genutzt werden.

Nun wird man immer sagen, dass alles von Mitteln abhängt?

Gerade weil alles von Mitteln abhängt, ist für mich die Passivität der Plovdiver Behörden unerklärlich. Damit ein europäisches Projekt in einem Rahmen von sagen wir 150-200 000 Euro finanziert werden kann, muss die Gemeinde einen gewissen eigenen Finanzbeitrag leisten. Dabei handelt es sich um einen minimalen Anteil von etwa 20 000 Euro. Natürlich gibt es in Brüssel Geld für Projekte. Aber dort fragt man sich zurecht: Wenn eure Politiker in ihrem eigenen Land nicht in die Lösung eines Problems investieren wollen, warum sollen wir es dann von außen tun?

Immerhin befinden wir uns aber in einer schwierigen Situation. Es werden restriktive Haushalte beschlossen. Aus diesem Grund wurde z.B. der Umbau des Swimmingspools in der Plovdiver Schule „Simon Bolivar“ gestoppt werden musste....

Genau weil wir eine krisenhafte Situation haben, ist es notwendig, dass die Behörden ganz klare Prioritäten setzen und in die wichtigsten Dinge investieren. Ich persönlich bin dafür, dass der Bau eines Swimmingpool s in einer Schule Vorrang haben sollte vor Straßenreparaturen, obwohl die zerstörten Straßen auch eine Gefahr für alle darstellen. Warum? Erstens, weil hier eine bestimmte Anzahl von Kindern Sport treiben könnte und ihre Freizeit hier sinnvoll verbringen könnte. Der Effekt wäre, dass sie am Nachmittag fit und befreit von den Anspannungen in der Schule nach Hause gehen könnten. Zweitens: Wenn die Gemeinde für ein solches Projekt Mittel bereitstellt, dann würden dafür auch europäische Mittel bereit gestellt.

Aber es gibt in Plovdiv doch durchaus Schulen, die sich intensiv mit den Problemen auseinandersetzen. Schulen, die sowohl Mittel für die Anschaffung von Lern- und Lehrmitteln, den Sportplatz oder außerschulische Arbeit haben....

Ja, das stimmt. Aber das sind Schulen, die einen besonderen Ruf haben. Die Eltern wollen, dass ihre Kinder genau diese Schulen besuchen. Und ihre Kinder wollen sich entwickeln, damit sie später einmal einen interessanten Job bekommen. Ich würde mich freuen, wenn die Gemeinde uns zusammen führt, damit alle am System Beteiligten gemeinsam die Richtung bestimmen können, die am Ende eine Perspektive aufzeigt für alle – für die Behörden, die NGOs, die Lehr- und Schuleinrichtungen. Dass wir gemeinsam den Rahmen festlegen, in dem ein jeder seine genau festgelegte Rolle in einem Netz neuer sozialer Dienstleistungen haben wird. Dass Regeln auffgestellt werden, wer was tun soll und mit welchen Geldern gearbeitet werden soll, ob mit Haushaltsgeldern, mit Projektgeldern oder Sponsorengeldern. Ich habe nichts dagegen, dass die Gemeinde diese Ausgaben und die Ergebnisse kontrolliert.
Ich möchte ein Beispiel nennen: im Rahmen eines Projektes arbeiten wir mit Kindern, die gefährdet sind, die Schule verlassen zu müssen. Ich möchte aus dem Bericht unseres Mitarbeiters zitieren, der in diesem Projekt mit diesen Kindern arbeitet: In diesem Bericht wird genau beschrieben, welche Gründe dazu führten, dass das Kind Gefahr lief von der Schule geworfen zu werden. Am Ende des Berichtes steht aber das Ergebnis unserer Arbeit und da heißt es: Das Kind wurde in die Klasse zurück geführt.
Wahrscheinlich geht die Politik des bulgarischen Bildungsministeriums auch in diese Richtung, denn dessen Programme setzen auf die Verbesserung der Disziplin und außerschulische Arbeitsformen.
Ich habe gewisse Bedenken in dieser Hinsicht. Natürlich sind Regeln und Normen und auch Disziplin eine wichtige Grundlage des gesellschaftlichen Umgangs miteinander. Das ist ein Teil der Erziehung. Aber in den neuen Projekten des Ministeriums über die Schulbildung, liegt der Schwerpunkt eben nicht auf der Erziehung, sondern auf Strafen und Sanktionen auf Zwang. Und es ist bedenklich, wenn einem Bildungsministerium angesichts der vielfältigen Probleme nichts anderes einfällt als Zwangsmaßnahmen, wie z.B. die Androhung die Betragensnoten herunterzusetzen, die Versetzung an eine andere Schule. Und die Krönung ist gemeinnützige Arbeit als Strafe! So werden die Probleme nicht gelöst, die Erkrankungen in unserer Gesellschaft nicht geheilt. Staatdessen versucht man auf einen unter Druck stehenden Kessel einen Topfdeckel zu setzen. Die Folge ist sofort: der Druck erhöht sich und Druck meint hier eine Anhäufung negativer Energien. Was uns in Bulgarien fehlt sind Alternativen, Mechanismen die sich der Probleme annehmen – und zwar bevor man überhaupt an Sanktionen und Strafen denkt.
Wissen sie dass es in Schulen des Plovdiver Wohnbezirkes Trakia Schulklassen mit acht oder zehn Kindern gibt, die zu Hause nur von den Großeltern erzogen werden. Kinder, die ihre Eltern seit Jahren nicht mehr gesehen haben, die als Gastarbeiter im Ausland arbeiten. Glauben sie ernsthaft, dass diese Kinder sich an ihre Großeltern wenden können, wenn sie Probleme in der Schule haben. Weder das Kind, noch die Oma weiß, was in dem einen oder anderen Fall zu tun wäre.

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"EIN   SCHULPSYCHOLOGE  IN  BULGARIEN  HAT  IM   JAHR  NUR  15  MINUTEN  ZEIT  PRO  KIND"

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Und die Schulpsychologen, die pädagogischen Berater?

Ich habe Mitleid mit meinen Kollegen. Denn es ist mir nicht klar, wie ein Psychologe 500 bis 1000 Kinder persönlich kennenlernen sollte – und so viele Kindern sind an fast jeder unserer Schulen. Wie soll ein solcherart überforderter Kollege noch individuell mit den Kindern arbeiten und nicht in einer Gruppe, in der dann auch noch die schwierigsten Fälle zusammengefasst werden. Wir haben einmal berechnet, wie viel Zeit ein Kollege einem Kind in einem Schuljahr widmen könnte. Es sind nicht einmal 15 bis 20 Minuten pro Kind pro Jahr.

Wo liegt die Rettung?

Die Jugendlichen müssen schon von früh an begreifen, dass es im Leben Regeln gibt und diese Regeln zu beachten sind. Und zwar genau nicht auf dem Wege, dass man ihnen diese Regeln mittels Sanktionen und Strafen beibringt, sondern das man ihnen begreiflich macht, dass die Einhaltung von Regeln gut für sie selbst und für die gesamte Gesellschaft ist. Die Kinder sollen sich Fertigkeiten aneignen, wie sie mit Problemen umgehen, sie ihrem Alter entsprechende soziale Erfahrungen machen können. Wenn wir meinen, dies würde sowieso und von ganz allein passieren, irren wir uns gewaltig. Und wenn wir meinen, dass es reicht sie nach der Schule in irgendwelche Arbeitsgemeinschaften oder Arbeitszirkel zu geben, irren wir uns auch.
Genau deshalb melde ich auch Bedenken an, wenn behauptet wird die außerschulischen Formen wären die Lösung des Problems, stimmt dies nicht. Diese außerschulischen Formen dürfen eben nicht eine Art fortgesetzte Schulstunden sein, wie es oft der Fall ist. Sie dürfen nicht allein von den gleichen Lehrern durchgeführt werden, die den Unterricht auch sonst machen. Oft wird ja einfach die Chemie- oder Mathematikstunde einfach am Nachmittag fortgesetzt. Im Gegenteil, die außerschulischen Formen sollen Beschäftigungen sein, bei denen die Kinder neue Erfahrungen machen. So bin ich sicher, dass es für die Kinder sehr interessant wäre im außerschulischen Unterricht zu erfahren, wie ein persönlicher Haushalt funktioniert, wie man einen Familienhaushalt führt. In außerschulischem Unterricht sollte Platz und Raum sein, dass zu erwerben, was wir soziale Kompetenz nennen. Genau das aber geschieht heute nicht in den Schulen und in vielen Familien leider auch nicht. Sehr wichtig ist auch, dass die Kinder sich körperlich betätigen. Miterleben und auch Action, dass sind Dinge, aus denen die Jugendlichen soziale Erfahrungen schöpfen. Wir alle haben die Aufgabe dafür zu sorgen, dass dies positive Erfahrungen sind. Kinder können keine Regeln erlernen, wenn man ihnen immer wieder nur sagt: Schlage nicht! Verhalte dich nicht grob zu deinen Mitmenschen! Beleidige niemanden! Das erlernen sie nur, wenn man die Kinder in eine Situation bringt, in der er ein bestimmtes Modell des Sozialverhaltens praktizieren kann und muss. Und zwar in einer Umgebung von Gleichaltrigen. Es ist unsere Verantwortung als Erwachsene den Erfahrungshorizont der Kinder zu erweitern und ihnen zu erlauben, Einblicke in Welten zu bekommen, mit denen sie bisher noch keine Erfahrungen gesammelt haben.

Kommen wir zurück zu den Fällen, in denen all das nicht passiert ist, wo wir es also mit gefährdeten Jugendlichen zu tun haben….

Genau für solche Fälle haben wir eine Kette von funktionierenden Sozialarbeitszentren aufgebaut. Einige davon befinden sich auch im Gebiet um Plovdiv.

Sind Sie, ist Ihre Arbeit, Frau Veneva, eigentlich gefragt?

Lassen sie mich ein Beispiel mit unserem Zentrum in der Gemeinde Krichim anführen. In der ersten Woche nach Eröffnung unseres Zentrum meldeten sich sofort 42 Familien bei uns und baten um Hilfe. Und das mit vielfältigen Problemen. Hier gab es Kinder, die spezielle Bildungsbedürfnisse hatten, die eine besondere Förderung benötigten. Hier gab es Eltern, die sich keinen Rat mehr wussten, weil ihre Kinder die Schule einfach nicht besuchen. Hier gab es minderjährige Mütter, die ihre Kinder einfach im Stich lassen. Es ist wichtig, dass sich jemand um diese Menschen kümmert, sich ihrer Probleme annimmt. Das aber müssen Spezialisten sein. Deshalb arbeiten in unseren Zentren insbesondere in kleineren Gemeinden auch Logopäden zusammen mit Psychologen, und Therapeuten, die wir von Plovdiv aus dorthin schicken. Es geht nicht darum, dass die Leute irgendeine Sozialleistung bekommen, sondern ein qualifizierte, auf die Lösung ihrer speziellen Probleme ausgerichtete Sozialleistung. Und ich möchte ihnen noch etwas sagen, was mich stört: Selbst einer der Bürgermeister, auf dessen Territorium wir eines unserer Zentren errichtet haben, fragte uns: Was passiert, wenn kein Vater, keine Mutter, kein Kind und Jugendlicher in das Zentrum kommen will? Solle er als Bürgermeister dann Druck ausüben und die Problemkinder sozusagen zwingen, die Hilfe des Zentrums anzunehmen? Dahinter verbirgt sich die Erfahrung einer Angewohnheit von uns Bulgaren. Nämlich das wir unsere Probleme verschweigen! Das wir sie sozusagen in unserer Familie einsperren! Dass wir so tun, als könnten wir alles allein bewältigen aus dem einzigen Grund, damit wir uns nicht blamieren! Aber die Praxis genau aus der Region dieses Bürgermeisters zeigte, dass der Staat seit der Wende nichts oder nur sehr wenig getan hat, um solche Probleme anzugehen und Verantwortung zu übernehmen. Die Probleme der Leute sind so akut, dass sie so verzweifelt und hilflos sind, dass sie begannen, uns zu suchen, noch bevor die Türen des Zentrums überhaupt aufgegangen waren. Und wir offiziell mit unserer Arbeit begannen. Und hierbei handelt es sich nicht um Fragen sozialer Hilfe, also finanzieller Unterstützung. Die geben wir nicht. Es handelt sich um das dringende Bedürfnis von Menschen nach qualifizierter Unterstützung ganz spezieller Probleme. Es handelt sich hierbei um die akute Notwendigkeit, die eine Intervention von Spezialisten zwingend erforderlich macht. Und da haben wir gespürt, dass sich die Menschen verändert haben. Sie sind nicht mehr Herr ihrer Probleme. Viele können ohne Hilfe einfach nicht mehr weiterleben. Und wir Fachleute haben diese Veränderung lange Zeit einfach verschlafen. Nun beginnen wir uns mit furchtbarer Verspätung einzumischen.

Interview: Maja Butshkova

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Die Psychologin Reneta Veneva und der Vorsitzende des Vereins Zur Förderung Bulgarischer Kinderheime, Mirko Schwanitz - die beiden Organisationen arbeiten seit Jahren eng zusammen. Derzeit realisieren sie im Kinderheim "Vasil Petleschkov" in Bratsigovo in enem gemeinsamen Projekt den Aufbau einer Berufsausbildungsküche für Jugendliche aus bulgarischen Kinderheimen Diesen Eintrag bearbeiten