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„Fortschritt in Trippelschritten – das ist das Trauma unseres Kinderheimsystems!“

Interview mit der Psychologin Reneta Veneva, Exekutivdirektorin der „National Alliance for Volunteer Action“ (NAVA)
 

Die NAVA ist mit 800 Freiwilligen die größte Nichtregierungsorganisation in Bulgarien. Sie betreibt Sozialzentren in 24 Gemeinden. In 12 Gemeinden arbeitet sie mit sozial vernachlässigten oder verhaltensauffälligen Jugendlichen. Gemeinsam mit dem Verein Zur Förderung Bulgarischer Kinderheime realisiert die NAVA derzeit die Errichtung einer Berufsausbildungsküche für 18 Heimkinder jährlich.

Frau Veneva, wie viele Kinder leben derzeit in den bulgarischen Kinderheimen in Bulgarien?

Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es in Bulgarien 144 Kinderheime. Etwa 60 Prozent der Kinder sind Roma-Kinder. Laut offiziellen Angaben gab es in Bulgarien im Jahr 2007 etwas mehr als 8000 Kinder in Kinderheimen. Von diesen 8000 Kindern sind lediglich 140 Kinder Vollwaisen. Alle anderen haben zumindest einen Elternteil und alle stammen aus sozial schwachen Familien. Also Familien, die nicht in der Lage sind, sich um die Kinder zu kümmern.
In einem Weltbankbericht von 2001 war die Rede davon, dass Bulgarien das Land mit den meisten Heimkindern in Europa ist.

Damals wurde die Zahl von 35 000 Heimkindern genannt? Was hat Bulgarien getan, um die Zahl der Heimkinder in nur sieben Jahren so dramatisch zu verringern?

Niemand weiß, ob die von der Regierung gemachten Angaben wirklich stimmen. Fakt ist, dass in den von Ihnen genannten Jahren lediglich fünf Kinderheime geschlossen wurden. In vielen Fällen wurden die Kinder einfach zurück in ihre Familien geschickt, aus denen man sie zuvor aus berechtigten Gründen herausgenommen hatte. Niemand weiß heute genau, wie es den Kindern dort heute ergeht.

Vielleicht sind viele Kinder adoptiert worden?

Durch Adoptionen dürfte die Kinderanzahl in den Heimen kaum gesenkt worden sein. Dazu muss man wissen, dass die Eltern der Kinder einer Adoption zustimmen müssen. Drei Viertel der gefragten Eltern verweigert aber die Freigabe ihrer Kinder zur Adoption. Wenn man bedenkt, dass bei uns 54 Prozent der Heimkinder Kinder sind, die sofort nach ihrer Geburt ins Heim kamen, kann man ermessen, welche Chancen Adoptionen für einen Verringerung der Zahlen in den Kinderheimen bieten würden. Die Verweigerung der Adoption bedeutet für diese Kinder, dass sie von ihren Eltern gezwungen werden fast 20 Jahre in einem Heim zu leben.

Kann die Regierung etwas tun?

Sie hat schon etwas getan, wenn auch mit fast 15 Jahren Verspätung. Vor einigen Monaten wurde ein Gesetz erlassen. Eltern, die sich sechs Monate lang nicht um ihre Kinder gekümmert haben oder gemeldet haben, wird das Sorgerecht automatisch entzogen, ihre Kinder zur Adoption frei gegeben. Der Witz ist, dass es bei uns bereits als Fürsorge gilt, wenn die Mutter im Heim anruft und fragt: Na, wie geht es dem Kind. Also – ein Anruf genügt und schon bleibt das Kind weiter im Heim. Das Gesetz ist zwar ein Fortschritt, aber da ob es die Zahlen wirklich nachhaltig senken wird, wage ich vorerst zu bezweifeln.

Warum?

Dazu muss man sich die wirtschaftliche Situation vieler Familien in Bulgarien ansehen. Sie ist schlecht bis dramatisch schlecht. Viele Kinder werden ja gerade allein gelassen, weil die Eltern nicht in der Lage sind ihre Kinder zu versorgen. Es gibt hier einen direkten Zusammenhang zwischen der ökonomischen Situation der Familien und fehlender staatlicher und kommunaler Unterstützung und Hilfen.

Was bedeutet das für die Kinder?

Dass die meisten bereits im Alter von 7 Jahren das dritte Heim durchlaufen und in diesem Alter schon begriffen haben, dass sie bis zu ihrem 18. Lebensjahr keine andere Chance haben, als im Heim groß zu werden. In ein Heim zu kommen, bedeutet für jedes Kind ein Trauma. Die frühe Erkenntnis, dass sie wahrscheinlich nie die Chance auf die Liebe einer Mutter und Vater haben werden, verfestigt dieses Trauma. Eine adäquate psychologische Betreuung findet in unseren Heimen nicht statt, Traumtherapeuten gibt es in Bulgarien im Prinzip nicht.
Es gibt 86 Heime für Kinder im Alter zwischen vier und achtzehn Jahren. In diesen 86 Heimen arbeiten 1000 Betreuer. Ich sage Betreuer, weil es sich nicht bei allen um ausgebildete Pädagogen handelt. Ich rede von jenen Menschen, die diese Kinder eigentlich großziehen. Ich rede von den Menschen, die dafür sorgen sollen, dass sie sich nach dem Heimaufenthalt in die Gesellschaft integrieren und in der Lage sind, ein selbstständiges Leben zu führen. Nun muss man aber wissen, dass sich unter diesen 1000 Betreuern nur sehr wenige Spezialisten oder Fachleute befinden, die sich mit den Kindern individuell beschäftigen können.

Was wollen Sie damit sagen?

Das wir 20 Jahre nach der Wende weder über Therapeuten, noch ausreichend Logopäden und speziell ausgebildete Sonderpädagogen verfügen, die so etwas Wichtiges wie Farbtherapie, Musiktherapie oder Bewegungstherapien beherrschen würden. Anders gesagt: Das Personal, dass mit diesen traumatisierten Kindern arbeitet, gibt zwar sein Bestes, ist aber von seinen beruflichen Fähigkeiten nicht in der Lage, diesen Kindern adäquate Hilfe zu geben. Das Schlimmste aber ist, dass es bis heute keine wirklichen Bemühungen gibt, diesen Pädagogen eine Weiterbildung anzubieten oder sie gar zu einer permanenten Qualifizierung zwingt.

Welche Alternativen gibt es?

Im Jahr 2005 waren etwa 9776 Kinder in Heimen untergebracht. Im Jahr 2006 und 2007 sank dieses Zahl nach offiziellen Angaben auf etwa 8600 . Sie sehen also wie langsam der Prozess vorangeht, die Anzahl der Kinder in den Heimen zu verringern. Eine Alternative, diesen Prozess zu beschleunigen wären Pflegefamilien. Jedoch konnten in Bulgarien von 2005 bis 2007 gerade einmal 135 Kinder in Pflegefamilien vermittelt werden.

Woran liegt das?

Wir haben keine Spezialisten, keinerlei Fachleute, die in der Lage wären, ein entsprechendes Pflegefamilien-Programm auf die Beine zu stellen. Dazu gehört, in Frage kommende Familien ausfindig zu machen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, sie auszubilden und ihnen Anleitung und Unterstützung zu geben. Denn wir dürfen nicht vergessen, diese Kinder sind nicht alle als Babies in die Heime gekommen, viele stammen auch aus schwierigen Verhältnissen, haben Gewalt erlebt, waren Straßenkinder usw. Es gibt durchaus Familien, die sich melden und gern ein Kind aufnehmen würden. Aber diese Familien benötigen ebenso wie die Kinder selbst eine ständige Betreuung, eine Kontaktperson, an die sie sich bei Problemen wenden könnten, Stellen, bei denen sie fachlichen Rat und Hilfe finden – und zwar bei Tag und bei Nacht. Solche Betreuungsstellen gibt es aber nicht. Und wegen dieses Systems fehlender Hilfen und Unterstützung geht verringert sich die Zahl der Kinder in unseren Heimen nur sehr, sehr langsam.

Es heißt, dass es in Bulgarien immer mehr Kinder gibt, die von ihren Müttern einfach verlassen werden? Wie kommt das?

Das kommt daher, dass es keinerlei Unterstützung oder Beratungsstellen für junge Mütter, minderjährige Mütter oder alleinstehende Mütter gibt. Auch nicht für Mütter, die selbst in sozial schwierigen Verhältnissen leben. Es gibt keine Institutionen, die sich um werdende Mütter kümmern. Diese Frauen und jungen Mütter haben meist enorme Probleme und sie fühlen sich mit denen völlig allein. Die Folge ist eine weitere schockierende Zahl: In den ersten zwei Monaten des Jahres 2009 wurden allein in der Hauptstadt Sofia 200 Kinder verlassen. Rechnet man diese Zahl auf andere Städte unseres Landes hoch, muss man davon ausgehen, dass in diesem Jahr mehr als 1000 Kinder neu in die Heime kommen. Damit stellt sich natürlich sofort die Frage: Können die offiziellen Zahlen über die Verringerung der Zahl der Kinder in den Heimen stimmen?

Aber es gibt doch seit Jahren an bulgarischen Universitäten eine Ausbildung zum Sozialpädagogen. Macht sich nicht bemerkbar, dass in vielen Heimen bereits junge Absolventen mit neuem Wissen arbeiten?

Das ist der nächste wunde Punkt. Die Studenten, die bei uns Sozialpädagogik studieren, erhalten bei uns eine Ausbildung, die absolut praxisfern und praxisfremd ist. Diese jungen Menschen haben keinerlei Vorstellung davon, wie die Realität aussieht. Das Hochschulstudium dauert fünf Jahre. In diesen fünf Jahren sind ganze 20 Tage für Praktika vorgesehen. Das heißt, diese jungen Leute beginnen dann nach fünf Jahren praxisferner Ausbildung als Psychologen oder Therapeuten zu arbeiten und sind angesichts der Probleme, vor denen sie stehen, völlig überfordert. Seit Beginn meiner Tätigkeit beobachte ich, dass diese jungen Menschen in die Heime kommen und gar nicht wissen, was ihnen dort passiert.

Aber können sie nicht auch von der Erfahrung profitieren, die die Erzieher in den Heimen seit Jahren machen und gemacht haben?

Diese Erzieher, in der Mehrheit sind es Frauen,  wissen oft selbst nicht, wie sie mit Kindern arbeiten müssen, die spezielle Probleme und Bedürfnisse haben. Sie wissen nicht, wie man adäquat mit ihnen umgeht. Sie wissen nicht, was dieses Kind bisher erlebt hat. Sie können nicht erfassen, welches Trauma das Kind hat und was getan werden muss, um dieses Trauma zu therapieren. Von welchen Erfahrungen also sollen die jungen Absolventen da profitieren? Selbst wenn sie wüssten, welches Trauma ein Kind hat, wissen sie nicht, wie sie dieses Problem angehen sollen. Am Ende werden die Probleme nach außen einfach verschwiegen und schön geredet.

Warum arbeiten Sie gerade mit dem Verein Zur Förderung Bulgarischer Kinderheime zusammen?

Weil uns seine Arbeit wegen ihres ganzheitlichen Ansatzes überzeugt. Bevor sie überhaupt begonnen hatten, das Heim „Maria Luisa“ in Bulgarien mit deutschen Spendengeldern neu aufzubauen, war bereits ein Ausbildungs- und Therapiezentrum vorgesehen. Die Leute hatten von Beginn an begriffen, dass man das Problem nicht allein durch den Bau von Häusern, das Spenden von Kuscheltieren oder Bananen lösen kann. Und heute bewahrheitet sich das: die Wohnbedingungen für die Kinder haben sich verbessert, kein Kind muss in unseren Heimen mehr hungern, es gibt genug Kleidung. Doch die Traumata der Kinder sind geblieben, ihre Benachteiligung in der Gesellschaft, wenn sie die Heime verlassen, weil sich keiner um ihre Berufsausbildung gekümmert hat, weil sie psychisch labil sind, weil sie in den Heimen nicht gelernt haben, wie man mit Geld umgeht, wie man eine eigene Wohnung bewirtschaftet, das man Miete, Strom, Essen bezahlen muss. Weil es für diese jungen Menschen niemanden gibt, an den sie sich nach dem Heimaufenthalt wenden können, weil ihnen der Rückhalt einer Familie fehlt.

Haben denn die Heime überhaupt Geld, um solch eine Weiterbildung zu finanzieren?

Die Finanzierung der Heime ist an die Anzahl der betreuten Kinder gekoppelt. Pro Kind bekommt ein Heim eine Pauschale von derzeit etwa 4,50 Euro. Mit diesem Geld müssen alle Ausgaben gedeckt werden – von der Ernährung, Instandsetzung, Kleidung, Schulmaterialien, Gehälter des Personals, Taschengeld. Laut Angaben der bulgarischen Caritas müssten die Heime aber aus dem staatlichen Budget für Kinder zwischen drei und 16 Jahren einen Mindestbetrag von ca. 8,15 Euro erhalten (2978,50 Euro/Jahr), für Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren immerhin noch einen Betrag von 5,45 Euro (1978 Euro/ Jahr)

Heißt das, der bulgarische Staat verstößt gegen die von ihm selbst erlassenen Gesetze?

Ich denke, dass die Zahlen sich selbst kommentieren. Schaut man sich die Zahlen an, kommt man zu dem Schluss, dass die Heime gerade einmal etwas mehr als die Hälfte des ihnen zustehenden Budgets erhalten. Vor diesem Hintergrund muss man auch die Frage stellen, was passiert eigentlich mit dem Geld, dass den Heimen für die Kinder vorenthalten wird? Es ist genau das Geld, das den Heimleitern für die Qualifizierung ihres Personals, für den Einsatz von Therapeuten und Psychologen, aber auch für eine vernünftige Bezahlung des eigenen Personals fehlt. Ein bulgarischer Pädagoge verdient heute im Durchschnitt etwas 220 Euro im Monat. Ich habe aber gesehen, dass man bei ALDI in Deutschland inzwischen billiger einkaufen kann, als in den Supermärkten bei uns in Bulgarien. Also, was ich sagen will ist, als Dank dafür, dass die Pädagogen die schwierigsten Kinder und Jugendlichen auf die Integration in die Gesellschaft vorbereiten, gehören sie zu den am schlechtesten bezahlten Berufsgruppen im ganzen Land. Das wirkt sich selbstverständlich auch auf das Selbstbewusstsein dieser Menschen, auf ihre Motivation aus.

Können Nichtregierungsorganisationen etwas zur Verbesserung der Situation beitragen?

Zunächst muss man sagen, dass sich alle Nichtregierungsorganisationen (NGO) in Bulgarien in einer sehr schwierigen Situation befinden. Wenn eine dieser Organisation beispielsweise Mittel aus einem EU-Fond für ein sinnvolles Projekt beantragen möchte, erhält sie keinerlei Unterstützung von den staatlichen Behörden noch von der Gemeinde. Das bulgarische Gesetz sagt nämlich, die Organisation muss das Projekt zuerst realisieren. Erst wenn sie es realisiert haben, erhalten sie das Geld zurück. Das heißt, der bulgarische Staat verlangt die Vorfinanzierung des Projektes. Ein Qualifizierungsprogramm für Heimpädagogen kostet etwa 100 000 Euro im Jahr. Um nachhaltig zu sein, müsste ein solches Programm etwa drei Jahre laufen. Es gibt keine einzige Nichtregierungsorganisation, die über soviel Geld verfügt, ein solches Projekt vorzufinanzieren. Das ist auch der Grund, warum sie die NGOs, die in Bulgarien im Sozialbereich wirklich nachhaltige Arbeit leisten, an den Fingern beider Hände abzählen können. Alle anderen werden mit großem Tam-Tam gegründet aber sterben schon bald einen unbeachteten Tod. Da sie über keine Mittel verfügen haben sie auch nicht die Zeit sich zu entwickeln. Das ist auch der Grund, warum sich bei uns die Zivilgesellschaft so langsam entwickelt.

Gestaltet sich denn die Zusammenarbeit in den kleineren Gemeinden auch so schwierig?

Ohne eine gute Zusammenarbeit mit den Gemeindevertretern können sie überhaupt keine Arbeit machen. Wir arbeiten in 24 Gemeinden und wir haben gute Erfahrungen. Aber jedes Mal, wenn wir dort Projekte realisieren, sagt mir der Bürgermeister: Wir arbeiten gerne mit Euch, aber bitte nie um Geld bei mir!

Aber warum. Sie müssten doch ein Interesse an so einer Hilfe haben?

Haben sie auch. Aber die meisten Kommunen sind sehr klein. Und sie fühlen sich von ihrem Staat allein und im Stich gelassen. Sie haben einfach kein Geld. Und wenn da nicht eine NGO mit sehr viel Engagement arbeitet, sterben auch die letzten Rudimente des vom Sozialismus hinterlassenen Sozialsystems.

Gibt es denn keine Wohlfahrtsverbände wie in Deutschland, keine Kirchenorganisationen, keinerlei Struktur auf die man sich stützen könnte?

Die reiche orthodoxe Kirche in Bulgarien unterhält keinerlei Sozialprogramme. Sie interessiert sich nicht für die sozialen Probleme des Volkes. Sie können ihre Rolle überhaupt nicht vergleichen mit der Rolle der katholischen oder evangelischen Kirche in Deutschland. Es gibt einige kleine katholische Gemeinden in Bulgarien und siehe da – dort kann man eine vernünftige Sozialarbeit machen. Dort gibt es ein Caritas, dort gibt es eine Diakonie. Aber das sind absolute Ausnahmen. Es gibt keinerlei Strukturen, an die eine nachhaltige Sozialarbeit andocken könnte. Nur in den größeren Gemeinden gibt es einige Sozialzentren, in den nach früherem staatlichen, ich will nicht sagen sozialistischem Muster gearbeitet wird. Diese Zentren sind die sogenannten Supervisoren, sie kontrollieren, vor allem aber schreiben sie vor, verbieten – helfen tun sie nicht. Nur wenige bemühen sich um Lösungen, sie fühlen sich nicht verantwortlich die Arbeit von Organisationen wie der unseren oder die des Vereins Zur Förderung Bulgarischer Kinderheime zu unterstützen.

Was sind die konkreten Schwierigkeiten bei der Durchführung von Projekten?

Nehmen wir einmal das Projekt, dass unsere Organisation zusammen mit dem Verein zur Förderung Bulgarischer Kinderheime realisiert und das eines der wichtigsten Sozialprojekte derzeit in ganz Bulgarien ist. Es geht um die Berufsausbildung von Heimkindern. In diesem Fall geht es um die Errichtung einer Berufsausbildungsküche, die zwei Kinderheime und gleichzeitig sozial bedürftige Menschen in einer Gemeinde versorgen soll. An diesem Beispiel kann man exemplarisch eine der größten Schwierigkeiten aufzeigen, die eine NGO bewältigen muss, um für sinnvolle Projekte über bulgarische staatliche Stellen an EU-Gelder heranzukommen. In den Ausschreibungsbedingungen heißt es sinnvoller Weise, dass die bulgarische Seite nur Projekte fördert, die den Status eines sozialen Unternehmens tragen. Das heißt, es wird im Prinzip verlangt, dass alle Projekte profitorientiert sein müssen, um sich baldmöglichst selbst zu tragen. Das Problem aber ist die Zeit. In nur 14 Monaten sollen die beiden NGOs die Berufsausbildungsküche in die Gewinnzone führen. Dabei war es überhaupt erst mal ein harter Kampf, der Gemeinde klarzumachen, dass sie selbstverständlich die Betriebskosten der Küche zu tragen und für die zu 300 täglich zu kochenden Portionen zu bezahlen hat. Zu einem solchen Projekt aber kommen noch die Kosten für die Lehrlingsentgelte, den Berufsausbilder, den ökonomischen Leiter einer solchen komplexen Einrichtung. Es gibt auf der ganzen Welt kein soziales Unternehmen, dass es innerhalb von 14 Monaten in die Gewinnzone geschafft hat – in Bulgarien aber wird das zur Voraussetzung, um überhaupt EU-Mittel zu bekommen. Das ist auch eine Erklärung dafür, warum bisher so wenig EU-Mittel abgerufen werden. Soziale Projekte, die nur eine 14monatige Förderung aus EU-Mitteln erhalten, oder die die Förderung gar zurück zahlen müssen, wenn sie das Projekt nicht innerhalb von 14 Monaten in die Gewinnzone führen können, können nicht auf Nachhaltigkeit angelegt sein. Das ist auch einer der Gründe, warum der Effekt der für die Reform der Sozial- und Jugendfürsorge bereit gestellten EU-Gelder so minimal ist.

Was müsste passieren, um diesen Kreislauf zu durchbrechen?

Erstens: Wir brauchen dringend ein Qualifizierungsprogramm, in denen erfahrene ausländische Experten unseren Heimpädagogen und Sozialarbeitern praxisnahe Methodiken vermitteln, wie man mit Kindern mit speziellen Problemen arbeitet.
Zweitens: Wir benötigen dringend ein Austausch-Programm, das jungen Sozialpädagogen ermöglicht, in Form von Auslandspraktika die moderne Heimpädagogik in Westeuropa kennenzulernen – was gibt es für Therapien? Welche Strukturen der Arbeit mit Familien existieren? Wie kann eine adäquate psychologische Betreuung der Kinder gestaltet werden? Das zentrale Problem in unserem Heimsystem ist heute nicht mehr der bauliche Zustand der Kinderheime, sondern der Mangel an Weiterbildung und Qualifizierung.
Drittens: Wir brauchen eine zentrale Sozialfürsorge-Hotline und ein kleines fähiges Team aus Psychologen, Therapeuten, Physiotherapeuten und Sozialarbeitern, die wir wie eine mobile Eingreiftruppe an die Brennpunkte schicken können. Ein Beispiel: Ein Nachterzieher hat ein Problem mit einem oder mehreren Jugendlichen, er weiß sich nicht zu helfen und ruft die Hotline an. Hier erhält er sofort eine telefonische Beratung, während sich die Spezialisten bereits auf den Weg in das Kinderheim machen und dem Erzieher bei der Lösung des Problems helfen. Anhand des konkreten Problems erhalten die Betreuer vor Ort sofort eine Supervision. Dann wird das Problem sofort schriftlich fixiert und in das Ausbildungs- und Qualifizierungsprogramm eingespeist.
Viertens: Wir brauchen ganz spezielle Qualifizierungsprojekte, die auf die besondere Problematik von 60 Prozent Roma-Kindern in den Heimen abgestellt sind – sowohl für die Kinder selbst , als auch für die mit ihnen arbeitenden Pädagogen und Therapeuten.
Fünftens: Wir brauchen Berufsausbildung für Heimkinder in Berufen, die es ihnen ermöglichen, nach verlassen der Heime gute Chancen auf eine Arbeit zu haben und Geld für den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Das ist mit Abstand die wichtigste Aufgabe, Jugendlich auf das Leben nach dem Heimaufenthalt vorzubereiten. Der deutsche Verein ist bisher die erste und einzige NGO, die das ernsthaft anpackt.
Sechstens: Wir brauchen dringend Geld für ein Programm über das Heimkinder bis mindestens zwei Jahre nach verlassen der Heime Hilfe, Rat, Unterstützung und psychologische Betreuung bekommen, denn es ist ein Tatsache, dass ihre Traumata verschärfen sobald sie den relativ geschützen Raum der Heime verlassen und plötzlich verlassen in einer Welt stehen, auf die auf Grund mangelnd qualifizierten Personals nicht vorbereitet wurden. Nur so ließe sich verhindern, das ein Großteil der Jugendlichen kurz nach Verlassen der Heime wieder in einen Kreislauf von Gewalt, Prostitution und Kriminalität geraten oder aber dauerhaft den Sozialkassen zur Last fallen und last but not least:
Siebtens: Wir brauchen dringend ein Qualifizierungsprogramm für Sozialarbeiter, die speziell für die Arbeit mit Pflegefamilien und deren Betreuung ausgebildet werden müssen.

Was würden Sie einem potentiellen Spender empfehlen?

Nicht Kuscheltiere, Süßigkeiten oder Bananen zu spenden, sondern Geld für Projekte wie ich sie oben beschrieben habe. Ich arbeite seit mehr als 20 Jahren mit diesen Kindern und Erziehern, ich weiß wovon ich spreche.

Frau Veneva, wir danken Ihnen für das Gespräch.
 

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Hallo, ich bin die Wassernixe und wir sind gerade am Meer angekommen. In diesem Jahr konnten wir leider nur wenige Tage hier sein. Das Heim hatte kein Geld, um uns längere Ferien hier zu bezahlen. Aber ich fand, wir hatten tolle Tage - vor allem aber viel, viel Sonnen.....

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Also mal ehrlich, wenn Sie unseren tollen Fotos sehen, dann müssen Sie doch zugeben, dass unser Meer eher blau ist. Na ja, manche sagen auch grün, andere wieder grünblau. Wir haben uns zu Beginn der Ferien wirklich über die Farben gestritten....

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Schließlich haben wir uns dann darauf geeinigt, dass das Meer ständig seine Farbe ändert und das eigentlich jeder von uns ein wenig Recht hat. Schwarz aber, ich schwöre, ist das Meer wirklich nur in der Nacht.

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Na ja, genau weiß ich auch das nicht, wenn es dunkel war musste ich ja im Bett sein. Am Tag aber haben wir mit unseren Erziehern immer tolle Ausflüge gemacht - man kann ja nicht immer nur...

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... Sandburgen bauen, Schwimmen sich mit Quallen bewerfen lassen, damit ärgern uns nämlich die Jungen manchmal. Ich bin dann einfach abgetaucht und finde das Meer ist unter Wasser genau so schön wie darüber

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In den Abendstunden war es endlich nicht mehr so heiß. Und wem es dennoch zu warm war, den hat Dimitr einfach mal nass gespritzt. Ich finde die Welt wäre sowieso viel schöner wenn aus allen Waffen nur Wasserfontänen kämen - finden Sie nicht auch?