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Unsere Patenreise 2009 - Eine Bulgarienreise der besonderen Art
ein Fotobericht von Simone Sieberger-Lawrenz
„Wir reisen Ende Oktober nach Bulgarien!“ Die Reaktion meiner Gegenüber ist in nahezu allen Gesprächen vor unserer Reise verhalten. Ich spüre deutlich, dass mit Bulgarien niemand so richtig etwas anfangen kann. Es kommen Nachfragen wie „Was wollt Ihr denn dort?“ oder „Was kann man denn da machen?“ Das übliche „Toll, da wollte ich auch schon längst mal hin.“ bleibt vollständig aus. Ich muss ein wenig in mich hineinlächeln, erkläre aber dann den Anlass unserer Reise:
Wir sind via Internet auf den "Verein zur Förderung Bulgarischer Kinderheime" gestoßen. Aus verschiedenen Gründen sehen wir die Arbeit des Vereins als äußerst unterstützenswert an und nehmen deshalb an dem vom Verein initiierten Patenschaftsprogramm teil. Das heißt, wir haben ein Patenkind in Bulgarien. Es ist eine tolle Idee, dass der Verein Interessenten einmal im Jahr einlädt, an einer Reise teilzunehmen und sich vor Ort selbst ein Bild zu machen. Wir haben diese Gelegneheit sofort wahrgenommen, besuchten unser Patenkind und informierten uns über die Projekte des Vereins vor Ort und - natürlich - um Land und Leute kennenzulernen.
„Aha“, heißt es daraufhin meist „… davon musst du uns unbedingt anschließend berichten". Und das will ich hiermit gerne tun...

Am 24.10.09 treffen wir uns am späten Nachmittag mit der gesamten Reisegruppe am Flughafen in Sofia. Nach einem ersten „Hallo“ fahren wir mit dem Reisebus Richtung Troyan. Unsere Reiseleiterin Zvetana beglückt uns mit ersten interessanten Informationen über die Reise und natürlich das Land – Bulgarien. Der Abend klingt mit einem geselligen Beisammensein im Hotelrestaurant aus.

Am nächsten Morgen brechen wir auf zum Kloster Troyan. Märchenhaft gelegen - erhalten wir hier sogar die Möglichkeit einem orthodoxen Gottesdienst beizuwohnen sowie die glückbringende Marienikone zu berühren. Faszinierend stellen sich zudem die Wandmalereien an der äußeren Fassade des Kirchengebäudes dar, die allesamt ihre eigene Geschichte erzählen.

Als weitere Station an diesem Tag besuchen wir die Stadt Koprivshtiza, wo wir nach einem schmackhaften Mittagessen eine Art „Freilichtmuseum“ besuchen. Faszinierend ist hier die farbenfrohe Architektur sowie die einzigartige Atmosphäre, die durch die Häuser und Gässchen verströmt wird. Die Luft hängt voller Holzkohleduft und man fühlt sich in der Zeit um Jahre zurückversetzt.

Hier sieht man noch den Eselskarren vorbeiziehen, wodurch ein wunderschöner Kontrast zu der Großstadtatmosphäre Sofias erkennbar ist. Die Nacht verbringen wir in einem urgemütlichen familiären Hotel oberhalb der Stadt. In dieser Stille wird deutlich, dass man nicht immer puren Luxus braucht, um sich wohl zufühlen!

Am Folgetag besuchen wir die Stadt Panagyurishte. Mirko Schwanitz (Vereinsvorstand) hat hier einen Termin mit dem Bürgermeister der Stadt organisiert. Dieser berichtet über seine Arbeit sowie Schwierigkeiten und den (finanziellen) Problemen mit denen die Stadt zu kämpfen hat und steht der Reisegruppe Rede und Antwort zu deren Fragen.

Die Kinder des Kinderheims „Pavel Babekov“, haben zusammen mit städtischen Kindern am frühen Nachmittag ein „Kostümfest“ geplant, zu dem unsere Reisegruppe eingeladen ist. Die einfallsreichen und bunten Kostüme wurden in dem durch den Verein finanzierten Schneideratelier von den Kindern selbst geschneidert.

Im Anschluss an eine Tanzaufführung erhalten mehrere Kinder ein Zertifikat im Rahmen ihrer Schneiderlehre. Es ist schön, an dem Erfolg der Kinder teilhaben zu können. Am Nachmittag besichtigen wir das Kinderheim sowie das Schneideratelier.

Die Kinder freuen sich, uns ihr zu Hause zeigen zu können- auch wenn das Gebäude stellenweise für uns sehr gewöhnungsbedürftig ist. Das Schneideratelier, welches in dem angrenzenden Sozialzentrum untergebracht ist, hebt sich durch seine Neuheit und Modernität stark vom Kinderheim ab. Insofern wird uns schnell deutlich, dass die Hilfsprojekte des Vereins an der richtigen Stelle ansetzen und noch lange nicht abgeschlossen sind.


Nach den teilweise sehr emotionalen Eindrücken des Montags wartet am Dienstag ein kulturell geprägtes Programm auf die Reisegruppe. Wir besuchen das Thrakische Grabmal in Kazanlak sowie das Altstadtmuseum mit vielen historischen Schätzen. Kazanlak ist zudem bekannt für die Rosenöl-Industrie, weshalb ein Besuch des Rosenmuseums ebenfalls auf dem Programm steht. Ein Höhepunkt des Tages ist die Fahrt zum Shipka-Pass, wo wir eine russische Kirche besuchen. Dieses farbenprächtige Gebäude mit goldenen Soldaten erbaut, die im Kampf gegen die Leben ließen.

Zwiebeltürmen wurde zu Ehren russischer Osmanischen Truppen am Shipka-Pass ihr

Gegen Abend erreichen wir dann Plovdiv, die zweitgrößte Stadt Bulgariens, wo wir die nächsten zwei Tage verbringen werden. Unser erster Tag in Plovdiv beginnt mit einem interessanten Stadtrundgang durch die Altstadt und einem Besuch in mehreren alten Häusern, die einst reichen Kaufleuten gehörten. Auch hier bleiben wir auf historischen Spuren und erhalten einen Einblick in Bulgariens Geschichte. Faszinierend sind insbesondere die antiken Ausgrabungen im Herzen der Innenstadt. Plovdiv besticht aus unserer Sicht durch eine gelungene Komposition aus Moderne und antikem Flair.

Am Nachmittag besuchen wir das Kinderheim „Maria Luisa“, welches mit Hilfe des Vereins in den letzten Jahren neugebaut und modernisiert wurde. Eine Gruppe Kinder hatte mit der Musiklehrerin Lieder einstudiert, die uns sofort präsentiert werden. „Freude schöner Götterfunken“ gesungen von bulgarischen Heimkindern hört sich nicht nur fantastisch an, sondern zauberte auch die eine oder andere Freudenträne hervor. Dann finden in den einzelnen Gruppen kleine Projektnachmittage mit uns statt. So wird u.a. fleißig gebacken, gebastelt und Fußball gespielt.

Es ist unglaublich beeindruckend, wie sehr sich die Kinder über den Besuch freuen. Die Patenschaftsbeauftragte Dora Stütz berichtet, dass die Kinder den Besuch aus Deutschland gerne als die „Schwanitze“ bezeichnen, was dem Vereinsvorsitzenden sichtlich unangenehm ist. Soviel Kinderlachen und strahlende Augen hätte ich vor der Reise nicht unbedingt für möglich gehalten. Es macht Freude, mit den Kindern zu spielen und Ihnen Aufmerksamkeit entgegen zu bringen. Für uns ist das unvergesslichste Ereignis der Reise, unser Patenkind kennen gelernt zu haben! Viel zu schnell vergeht die Zeit zusammen mit den Kindern, aber schon für den nächsten Tag ist ein weiterer Besuch geplant, was den „Abschied“ dann doch sehr erleichtert.

Für den Abend lädt der Verein in die Plovdiver Altstadt zu einer Lesung des bulgarischen Autors Vladimir Zarev ein. Wir erfahren, dass Zarev einer der bedeutend- sten osteuropäischen Romanciers ist. Gelesen wird aus seinen auch in Deutsch- land erschienenen Romanen "Verfall" und "Familienbrand". Die Lesung erfolgt in Form eines Dreiergesprächs zwischen Vladimir Zarev, Thomas Frahm (Übersetzer der Werke) und Mirko Schwanitz, was die Lesung zu einer kurzweiligen und spannenden Veranstaltung werden lässt. Innerhalb kürzester Zeit erhält der Zuhörer einen Einblick in die Gedankenwelt der Bulgaren, insbesondere zur Zeit der Wende. Aus unserer Sicht ein gelungener literarischer und bereichernder Abend!

Am Donnerstag besuchen wir vormittags das Kinderheim „Rozen“ in Selenikovo. Hier leben Kinder zwischen 3 und 6 Jahren. Viele Kinder im Kinderheim „Maria Luisa“ kommen aus diesem Kleinkinderheim, welches erst kürzlich mittels EU-Hilfen saniert wurde.

Auch hier freuen sich die Kinder über die vielen Besucher sowie über die kleinen Geschenke in Form von Kuscheltieren und Süßigkeiten. Ein Gespräch mit der Heimleiterin gibt Aufschluss über die Situation der Kinder und die weiteren Verbesserungen, die das Kinderheim plant.

Nachmittags besuchen wir noch einmal das „Maria Luisa“. Lisa Milcher (rechts) und wir nutzen die Zeit für einen Einkaufsausflug mit unseren Patenkindern, der in einem gemütlichen Beisammensein mit heißer Schokolade und Cola in einem Plovdiver Café endet. Der Abschied fiel allen schwer, aber es ist beruhigend zu wissen, dass sich der Verein mit Liebe und Selbstlosigkeit weiter für diese Kinder einsetzen wird


Am Freitag verlassen wir Plovdiv und machen uns auf den Weg Richtung Rhodopen. Im Heim „Vasil Petleschkov“ in Bratsigovo erwartet uns ein großes Fest. Hier hat der Verein mit Spendengeldern eine Berufsausbildungsküche für Heimkinder gebaut (siehe dazu mehr unter News). Nach einem bunten Programm und dem Büfett, wdas die ersten Lehrlinge mit Hilfe der Küchenfrauen des Heimes gezaubert haben, gibt es einen Rundgang durch das Heim und erneut Gelegenheit zum Austausch mit der Heimleiterin.


Am Abend sitzen wir beim gemeinsamen Abendessen zusammen und reflektieren die Erlebnisse des Tages, während draußen der erste Schnee fällt. Mirko Schwanitz erzählt, dass in den bulgarischen Nachrichten sogar über die Eröffnung der neuen Ausbildungsküche berichtet wurde, was uns noch einmal klar macht, welch große Bedeutung dieses Projekt für Bulgarien haben muss. Schwer vorstellbar, dass ein solches Projekt es in Deutschland in die Abendnachrichten schaffen würde..

Samstags geht es dann wieder Richtung Sofia. Wir machen noch eine gemeinsame Stadtrundfahrt durch Sofia, besichtigen die Kirche „Alexander Nevski“ bevor die Gruppe sich dann am Flughafen verabschiedet. Zu Hause angekommen sind wir randvoll mit neuen Eindrücken und Emotionen. Bulgarien hat ein Gesicht bekommen - nicht nur für uns, sondern auch für Freunde und Bekannte, denen wir von unseren Erlebnissen berichten. Und plötzlich hören wir zu unserem Erstaunen auch von unseren Gesprächspartnern Sätze wie „… das hört sich wirklich interessant an - vielleicht sollte ich auch einmal dorthin verreisen.“






Unsere Patenreise 2009 - Eine Bulgarienreise der besonderen Art



…wenn es durch ihre Arbeit gelingt, auch nur einem einzigen dieser ‚Nullchancen‘-Kinder ein menschenwürdiges Zuhause und damit wenigstens ein paar Chancen und Voraussetzungen für ihr künftiges Leben zu geben, so hätte sich dieses Projekt einen Nobelpreis verdient…



Im Rahmen dieses Wettbewerbs erhielten wir für das Projekt „Rekonstruktion des Waisenhauses Maria Luisa“ einen ersten Preis, der von der ehemaligen EU-Kommissarin Monika Wulff-Matthies überreicht wurde.
Außerdem wurde das Projekt unter die 25 besten ehrenamtlichen Hilfsprojekte Deutschlands gewählt.