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"Ich wünschte, ich wäre Superman" - Interview mit dem Vereinsvorsitzenden, Mirko Schwanitz Zum Bratsigovo-Projekt

Du warst Anfang Februar erneut in Bulgarien, hast die Projekte des Vereins besucht. Mit welchen Eindrücken bist Du zurück gekehrt?

Nun ich war eine Woche unterwegs . Da zeigt sich schon, dass es mit den wachsenden Aufgaben unseres Vereins immer schwieriger wird, alle Fragen zu beantworten, die sich vor Ort stellen.  Bedenken wir, dass unser Verein bereits drei Kinderheime mit fast 250 Kindern und etwa 60 Pädagogen unterstützt und zwei Berufsausbildungsprojekte betreut. Von denen wird eines noch auf lange Sicht unsere ganze Aufmerksamkeit brauchen. Bei dem anderen wird überlegt werden müssen, ob eine Verlagerung in ein anderes Heim Sinn macht. Wahrscheinlich werden wir in Zukunft noch ein weiteres Heim unterstützen - oder besser gesagt unterstützen müssen. Über die Berufsausbildungsprojekte werden schon bald weitere Heimkinder von unserer Arbeit profitieren. Tatsache ist, dass angesichts der gewachsenen Aufgaben eine einwöchige Reise nicht mehr ausreichend ist und solche Reisen in Zukunft 14 Tage dauern müssen.

Warum?

Ich sagte schon. Für die Vorstandsmitglieder beginnt bei solchen Reisen der Tag gegen 7 Uhr und endet meist nicht vor 1 Uhr in der Nacht. Früher war es Tradition, dass ich mich bei jeder Reise mit dem Pädagogenteam und mit jeder Kindergruppe getroffen habe, um zu hören und zu fühlen, was sie auf dem Herzen haben, wo der Schuh drückt. Seitdem ich aber zwischen drei Heimen pendeln muss und mit den Aufgaben natürlich auch die zu lösenden Probleme gewachsen sind, fehlt dafür zunehmend die Zeit. Das bedauere ich sehr.  Und es dringend notwendig, das wieder zu ändern.

Wie läuft unser Berufsausbildungsprojekt in Bratsigovo?

Als ich ankam traf mich erst einmal der Schlag. Man teilte mir mit, dass der Pädagogische Rat der Mittelschule beschlossen hatte, dass in diesem Jahr keine Neuaufnahme von Berufsschülern in der gerade erst neu eingerichteten Berufsschulklasse erfolgt. Hinzu kam, dass bei den Kommunalwahlen die Leitung des für uns zuständigen Bildungsinspektorats ausgewechselt wurde und die verantwortliche Kollegin, die sich so vehement für das Projekt eingesetzt hatte, ebenfalls nicht mehr im Inspektorat arbeitete. Entsprechend meiner Erfahrungen hieß das, wir fangen wieder von vorn an.

Und? Müssen wir wieder von vorn beginnen?

Nein. Und das ist ein Hoffnungsschimmer, dass sich in Bulgarien doch etwas ändert. Ich will kurz darstellen, vor welchen Problemen die Executiv-Direktorin unsere Partnerorganisation NAVA und ich zu Beginn des ersten Gesprächs standen: Wie lösen wir das Problem mit der Berufsschulklasse? Was weiß der neue Bildungsinspektor über das Projekt? Und: Wird er sich mit ganzer Kraft dafür einzusetzen? Werden wir ihm klarmachen können, dass wir zahlreiche Detailfragen gemeinsam lösen müssen?

Welche zum Beispiel?

Zum Beispiel: Wie können wir den praktischen Unterricht ausweiten, ohne bestehende Gesetze zu verletzen? Bis jetzt sieht der Lehrplan für Gastronomiefachkräfte immer noch nur 20 Stunden Praxis im ersten Lehrjahr vor. Außerdem hieß es, dürfen von den Azubis hergestellte Produkte nicht verkauft und nicht von anderen verzehrt werden, was die gesamte Idee eines Sozialen Unternehmens obsolet machen würde. Gleichzeitig aber fordert die Nationale Agentur zur Verteilung der EU-Mittel, die unserer Partnerorganisation Fördermittel für das Projekt gewährt hat, dass wir die Küche innerhalb eines Jahres zum Sozialen Unternehmen machen müssen. Wir haben es hier also mit widersprüchlichen Gesetzen und Bestimmungen zu tun, zwischen denen schon so manches Projekt zerrieben wurde. Außerdem musste das Problem gelöst werden, wie die vom Bildungsministerium für die praktische Ausbildung zur Verfügung stehenden Gelder, die bis jetzt an die Berufsschule gehen in die Küche kommen. Denn die praktische Ausbildung soll ja jetzt in der Küche und nicht in der Berufsschule stattfinden. Das ist nur ein kleiner Teil der zu lösenden Probleme in nur einem unserer Projekte.

Konnten die Probleme denn gelöst werden?

Man darf nicht erwarten, dass alle Probleme sofort gelöst werden können. Das geht ja auch in Deutschland nicht. Aber Reneta Veneva und ich waren dann doch sehr überrascht, wie pragmatisch und lösungsorientiert unsere anderen bulgarischen Partner gearbeitet haben. Der Vizebürgermeister drückte sein völliges Unverständnis gegenüber dem Beschluss des Pädagogischen Rates der Mittelschule aus, in der die Berufsschulklasse eingerichtet worden war. Die Ursachen für diesen Beschluss waren am Ende gar nicht mehr wichtig, weil die Gemeinde die Direktorin des Berufsgymnasiums von Bratsigovo zu dem Gespräch mitbrachte und erklärte, dass das Berufsgymnasium die Berufsschulklasse übernehmen und fortführen werde. Zum ersten mal habe ich erlebt, dass eine Gemeinde ein Problem gelöst hat, bevor ich darum bitten muss. Das zeigte uns einmal mehr, wie richtig unsere Entscheidung war, dieses Projekt in Bratsigovo zu installieren.

Und der Bildungsinspektor?

Der Bildungsinspektor erwies sich als ein aufgeschlossener junger Mann, seine Expertin für Berufsausbildung spricht sehr gut Deutsch. Beide begriffen sehr schnell, worum es bei dem Projekt geht und versprachen angesichts der Detailprobleme, sofort Kontakt mit dem Bildungsministerium aufzunehmen - was sie auch taten. schon zwei Tage später erhielten wir einen Termin bei der zuständigen Fachbereichsleiterin. Auch das hatte es so noch nicht gegeben. Bisher hatten wir, um dort überhaupt einen Termin zu bekommen, stets die Botschaft um Hilfe bitten müssen.

Was haben die Gespräche am Ende erbracht?

Die Berufsschulklasse für die theoretische Ausbildung wird im Berufsgymnasium fortgesetzt. Es werden neue Kinder immatrikulert. Die praktische Ausbildung wird ausgeweitet, die Stundenzahl fast verdoppelt. Das ist noch nicht das, was wir erreichen wollen, aber es ist ein Anfang auf dem Weg zu einer dem dualen System in deutschland ähnlichen Ausbildung. Ziel ist ja, dass die hier ausgebildeten Jugendlichen eine zusätzliche Prüfung durch die deutsche Außenhandelskammer ablegen sollen. Damit hätten sie einen Berufsabschluss, der auch in Deutschland anerkannt wäre. Die Speisen, die von den Azubis in der Küche produziert werden, dürfen von anderen verzehrt und auch verkauft werden, womit die Grundlage für die Küche als Soziales Unternehmen geklärt ist. Und wir denken, wir haben auch einen Weg gefunden, dass die Gelder, die das Bildungsministerium für die praktische Ausbildung bereitstellt ins Budget der Berufsausbildungküche fließen können. Damit sind alle Fragen geklärt worden, die zu klären wir uns für diesen Teil der reise vorgenommen hatten.

Was hat sich im Zusammenhang mit der Küche denn im Heim "Vasil Petleschkov" geändert?

Es herrscht Aufbruchstimmung. An den zwei Tagen, in denen ich vor Ort war, traf ich das Pädagogenteam ständig in Schulungen, die von Mitarbeitern bzw. Freiwilligen der  NAVA durchgeführt werden. Ich spürte, dass sich in ihren Gesichtern etwas verändert hatte. Die Traurigkeit und Müdigkeit, die ich noch vor einem Jahr darin zu sehen glaubte, schienen wie weggeblasen. Die Heimleiterin, Nina Naydenova, hatte es geschafft, erneut aus allen Himmelsrichtungen Spenden zu besorgen und hatte inzwischen ein sogenanntes "Zentrum des familiären Typs" eingerichtet. In diesem Zentrum sollen Jugendliche, die das Heim bald verlassen, auf ihr Leben außerhalb des Heimes vorbereitet werden. Gleichzeitig aber wurden so Voraussetzungen geschaffen, dass Jugendliche aus anderen Heimen sich nun um einen Ausbildungsplatz in Bratsigovo bewerben und hier auch wohnen können. Damit wurde ein weiteres wichtiges Problem gelöst. Denn wir wollen ja, dass das Projekt allen Heimkindern Bulgariens offen steht. Ich betone: nicht wir haben dieses Problem gelöst. Die Gemeinde und Nina haben es in Eigeninitiative gelöst!

Welche Aufgaben stehen nun bevor?

Wir setzen einen Fuß vor den anderen. Als nächstes geht es darum, die kleine NGO "Zukunft für Euch!", deren Namen das ganze Projekt trägt, zu befähigen, parallel zur Berufsausbildung Praktika in Großküchen, Hotels und Pensionen für die Azubis zu vermitteln und langfristig Kontakte zu zukünftigen Arbeitgebern aufzubauen. Es ist ganz wichtig, dass wir hier bald einen Sozialarbeiter finanzieren können, der diese Aufgabe als Kernaufgabe wahrnimmt. Für sein Gehalt brauchen wir dringend Spenden. Wenn es uns gelingt, diesen Sozialarbeiter ein Jahr zu finanzieren, übernimmt der bulgarische Staat seine Weiterbeschäftigung. Leider hat unser Spendenaufruf über die Plattform betterplace.org noch nichts erbracht. Wir bitten hier alle Mitglieder und Sponsoren, uns behilflich zu sein. Als nächsten Schritt müssen wir einen geeigneten bulgarischen Manager für das Soziale Unternehmen Küche finden und ihn ausbilden. Hier haben wir die Unterstützung des Senior Expert Service. Mit Hans Berger, einem Senior-Experten und Präsidenten der Internationalen Küchen- und Serviermeistervereinigung haben wir zudem einen der kompetentesten Berater auf diesem Gebiet an unserer Seite. Aber es gibt noch viel zu tun - manchmal wünschte ich, ich wäre Superman und alles ginge schneller. 

 

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Teilweise sehr heftig verliefen die Diskussionen zur Lösung der Probleme im Zusammenhang mit der Berufsausbildungküche. Nun wird die theoretische Berufsausbildung in das Berufsgymnasium von Bratsigovo verlagert. Der neue Bildungsinspektor (6.v.l.) sagte seine Unterstützung zu

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"Zentrum des familiären Typs" steht über dem Eingang zu einem neu eingerichten Teil des Heimes Vasil Petleschkov. In vielen Heimen Bulgariens werden zur Zeit solche Zentren eingerichtet. Hier sollen die Jugendlichen auf das Leben nach Verlassen des Heimes vorbereitet werden

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Hinter der Tür fällt der Blick in einen langen Flur, von dem links Türen in die Zimmer der Jugendlichen sowie in die große Wohnküche führen. An der Stirnseite sind die völlig neuen Sanitäreinrichtungen und Bäder untergebracht. Alles entstand in Eigeninitiative der Heimleiterin und mit Hilfe der Gemeinde

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Hell und freundlich präsentieren sich die Zimmer dem Besucher. Bis zu vier Jugendliche können hier wohnen. Die ersten Mädchen, die alle die neue Berufsausbildung absolvieren, fühlen sich sichtlich wohl in ihrem neuen Zuhause

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Ninan Naydenova kann zu recht stolz sein, auf das, was sich seit dem letzten Jahr in ihrem Heim verändert hat. Hier steht sie in der neuen, großen Wohnküche des Familienzentrums ihres Heimes. Jetzt will sie einen weiteren Flügel des Heimes rekonstruieren