
Pressemitteilunge und -berichte
Auf der Suche nach Wärme
von Hiltrud Müller
Emil ist neun, ein aufgeweckter Junge. Wenn er groß ist, will er viel Geld verdienen und politisch etwas zu sagen haben. Dann wird er dafür sorgen, dass alte Menschen nicht mehr im Müll nach Essen wühlen müssen. Er lebt im Kinderheim „Königin Maria Luisa“ in Plovdiv, Heimstatt für 85 Kinder zwischen fünf und 19 Jahren.
Emil ist ganz aus dem Häuschen. Denn heute lernt er seine Patenfamilie aus Deutschland kennen. Es hält ihn schon am Vormittag nichts mehr in seinem Zimmer, das er mit sieben Jungen teilt. Ein schönes Zimmer in einem neuen Haus, das mit Spendengeldern aus Deutschland und Bulgarien gebaut worden ist. Vis-à-vis erhebt sich bereits das Skelett eines zweiten Baukörpers. Wenn wieder Geld in die Kasse kommt, wird mit dem Innenausbau begonnen. Sobald das Gebäude fertig ist, können die übervollen Räume auf Normalbelegung zurück gefahren werden. Emil wird dann im Vier-Bett-Zimmer wohnen und einen Schrank ganz für sich alleine haben. Und Ruhe bei den Hausaufgaben.
Vernachlässigt und traumatisiert
Darina Kukeva erinnert sich nur zu gut des Elends, das sie hier antraf, als sie 1991 als blutjunge Erzieherin in das verwahrloste Heim kam. Selbst im Jahre 2001, als sie zur Heimleiterin bestellt wurde, war die Not so groß, dass sie oftmals keinen Schlaf fand. Mit den umgerechnet
35 Cent Kostgeld pro Tag – heute sind es 90 Cent – konnte sie die Kinder nicht satt kriegen. Sie bettelte mit ihren Kollegen Lebensmittel zusammen. Das Gebäude, einst als königliche Pferdeställe erbaut, stank nach Urin und schlechtem Essen. Verkeimt die düsteren Waschräume, drei Toiletten für 90 Kinder. Schlafsäle, in denen sich Bett an Bett reihte.
Inzwischen sind zwei Flügel des hufeisenförmigen Heimes abgerissen und haben dem vollendeten und dem unvollendeten Neubau Platz gemacht. Der alte Verbinder ist baupolizeilich gesperrt. Verwaltungsbau und Speisesaal erinnern ebenfalls noch an die Tristesse, die bis vor kurzem das Heimklima dominierte. Doch die Pläne für den dritten Bauabschnitt liegen bereits in der Schublade: Werkstätten sollen entstehen, in denen die Jugendlichen einen Beruf erlernen können, das Heim aber auch Eigenmittel erwirtschaftet – durch einen Frisiersalon oder eine Großküche, die nicht nur das Heim, sondern ebenso Krankenhäuser oder alte Menschen versorgt, durch eine Bäckerei, die Roggenbrot, in Bulgarien nahezu unbekannt und nicht bloß von Deutschen vermisst, anbieten könnte, sowie eine Kfz-Werkstatt, die sich als Dienstleister empfehlen würde. Ja, denkt Darina Kukeva, dann wäre sie die größte Sorge los. Dann wüsste sie, wohin mit den Großen.
Denn nicht jeder hat das Zeug zum Studieren. Kristina schon. Kristina ist achtzehn, kam mit ihrem ein Jahr jüngeren Bruder Peter ins Heim. Sieben Jahre ist das her. Der Vater ein armselig heruntergekommener Alkoholiker. Er hat den Kindern die Mutter erschlagen. Sie verblutete in Peters Armen. Viele der Heimbewohner tragen schwer an solcher Bürde. Elend und Hoffnungslosigkeit liegen noch immer bleischwer über dem Balkanland. Die Kinder aber leiden doppelt. Sie leiden vor allem unter dem Verlust ihres sicheren Hafens, unter dem Zerfall der Familien.
Wenn man um diese Schicksale weiß, so ahnt man auch, dass das Leben im Heim eine Chance für die Mädchen und Jungen ist. Denn dort gibt es regelmäßig zu essen, dort wird man zur Schule geschickt, dort gibt es Erzieher, die fordern, ermutigen, zuhören. Endlich, sagt Heimleiterin Kukeva, können wir uns um Inhalte der Erziehung kümmern, um pädagogische Projekte und nützliche Therapien. Viele der Kinder sind traumatisiert durch Vernachlässigung, häusliche Gewalt oder sexuellen Missbrauch.
Der Wandel hat zweifelsohne mit dem neuen Haus begonnen, das von dem in Berlin ansässigen Verein zur Förderung bulgarischer Kinderheime initiiert worden war. Der anfänglichen Skepsis, die der kleinen Gruppe um den Journalisten Mirko Schwanitz entgegenschlug, ist Respekt und Dankbarkeit gewichen. Denn gekommen waren viele, um das Elend zu besichtigen. Geholfen haben wenige.
Die Hartnäckigkeit, mit der dieser Verein nun schon über sechs Jahre den Neubau forciert, blieb auch in der Plovdiver Stadtverwaltung nicht ohne Wirkung. Die steht im Zugzwang. Die zweitgrößte Stadt des Landes wimmelt vor streunenden Roma-Kindern, das Heim für Straßenkinder ist überfüllt. Neben dem Maria-Luisa-Heim sind zwei weitere Häuser dieser Art zu unterhalten. Ein Land wie Bulgarien, das sich für das vereinte Europa empfehlen will, muss sich mit europäischen Maßstäben messen lassen. Mit dem Programm „Child Welfare Reform in Bulgaria“ will man mit internationaler Hilfe und dem Geld der Weltbank die Zahl der Heimkinder innerhalb von zwei Jahren halbieren. Drei Plovdiver Baustellen künden von Veränderungen: Ein Mutter-Kind-Haus, ein Therapiezentrum für Straßenkinder und ein Sozialberatungszentrum sind im Entstehen. „Und wir wollen mehr Mädchen und Jungen in Pflegefamilien vermitteln“, sagt Konstantin Piskov, der Sozialdezernent.
Doch das größte Hemmnis ist die Armut. Viele können kaum das eigene Kind, geschweige ein fremdes ernähren. Der Mindestlohn, sagt Piskov, liegt bei 75 Euro. Mehr als die Hälfte des Budgets verschlingen winters die Energiekosten, was vor allem die Abertausenden Bewohner der so genannten Neubauviertel erdrückt, wo die Wohnsilos nicht wärmeisoliert sind. Sie wirken grau, heruntergekommen. Eine beklemmende Kulisse, die durch die jämmerlichen Behausungen der Roma, die sich hie und da zwischen den Wohnblöcken ducken, noch ärmlicher wirkt. Die meisten „Neubau“-Bewohner haben ihre Quartiere in sozialistischer Zeit erworben. Aber wer kümmert sich nun um die Hülle, die Leitungen, das Dach? „Wir wollen jetzt die Erfahrungen Ostdeutschlands nutzen und ein flächendeckendes Sanierungsprogramm starten“, sagt der Sozialdezernent, der freilich um die Mittellosigkeit der Mehrzahl der Plovdiver weiß. Aber vielleicht könne man ja mit günstigen Krediten etwas bewegen. „Ich bin überzeugt, die horrenden Stromkosten werden die Leute zum Handeln zwingen.“
Auch im Kinderheim zerbricht man sich gerade den Kopf über das Heizsystem. Das neue Haus ist gut isoliert, die Heizung – spendiert von einer bulgarischen Firma – funkelnagelneu. Doch es wird nicht richtig warm und auch das Warmwasser reicht nicht für alle zum Waschen. Ein Konstruktionsfehler? Die Firma weist jede Schuld von sich. Sie bestreitet sogar, die Anlage gestiftet zu haben, sie will Geld sehen. Oder sie demontiert. Darina Kukeva ist fassungslos. Dabei war doch das Fernsehen dabei, als dieser Betrieb seine Sachspende stolz dem Heim überbracht hatte. Derartige Probleme, sagt Vereins-Chef Mirko Schwanitz lakonisch, sind etwas Regionaltypisches. Sie erklären, warum alles so viel Zeit braucht im Balkanland. Aber aufgeben? Daran hat er nie gedacht. Und so wird er auch jetzt wieder mit seinen bulgarischen und deutschen Verbündeten zu Rate sitzen, wie man aus dieser Kalamität heraus kommt.
Briefe und ein Fußball von den deutschen Paten
Von all diesen Sorgen ahnt der kleine Emil nichts. Für ihn ist heute ein Festtag. Seine Paten aus Deutschland sind zu Besuch gekommen – die Lehrerin Simone Junghans aus Erkner mit ihren Kindern Anna und Paul. Einen Fußball haben sie mitgebracht, auch Süßigkeiten. Und einen Dolmetscher. Das ist gut so, denn Paul hat viele Fragen und eine Menge zu erzählen.
Es ist die 41. Patenschaft, die der Verein zur Förderung bulgarischer Kinderheime in dieses Heim vermittelt hat. Mit den
50 Euro, die eine Pate pro Jahr seinem Patenkind zukommen lässt, wird manches schöne Extra möglich: eine kleine Geburtstagsüberraschung, ein Kinobesuche oder ein Kleidungsstück. Die Hälfte des Geldes wird jedoch zur Finanzierung des Deutschunterrichtes verwandt. „Wenn ich erst Deutsch kann“, sagt Emil und strahlt, „dann kann ich bald eure Briefe allein lesen.“ Denn einen Brief zu erhalten von einem Menschen, der an einen denkt, das ist etwas höchst Seltenes in diesem Plovdiver Kinderheim.
Verein zur Förderung Bulgarischer Kinderheime e. V.
Am Goldmannpark 47
12 587 Berlin
Mehr Informationen unter www.bulgarische-kinderheime.de
© Märkische Allgemeine 05.02.2005






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