Pressemitteilunge und -berichte
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In Bulgarien beißen die Letzten die Kinder

Wo sich Demokratie und Menschenrechte gute Nacht sagen, stehen die Tierasyle und Kinderheime

von Thomas Frahm

Autor: Ein Engel geht um in den Diplomatenkreisen Europas: der aufgeklärte Unschuldsengel der „europäischen Wertegemeinschaft“. Von Demokratie, Toleranz und Menschenrechten kündet der Engel. Und im Schlusschoral schallt es von Menschenwürde. Bitte folgen Sie mir nun für einige Minuten in ein Land, wo sich Demokratie und Menschenrechte Gute Nacht sagen, weil es die Stromrechnung für das elektrische Licht solcher Aufgeklärtheit nicht bezahlen kann.

Wir vergessen gern, dass die Wahrung der Menschenrechte Geld kostet, viel Geld, und Bulgarien hat das nicht. Aber Euro-Kommissare scheinen ohnehin kinderlos glücklich zu sein: Wenn sie nach Bulgarien kommen, klagen sie Minderheitenschutz, Tierschutz und marktwirtschaftliche Reformen ein. Hungrige Kinder in Elendsquartieren? Wer denkt daran, der gerade in der Business-class gut gespeist hat?

Ihre keineswegs unberechtigten Forderungen nehmen sich daher zynisch aus gegenüber den Obdachlosen Bulgariens, die keine Arbeit bekommen, weil sie keinen Wohnsitz nachweisen können, und die keine Wohnung bekommen, weil sie keinen Arbeitsplatz haben. Und selbst die, die Wohnung und Arbeit haben, müssen mit Nebenkosten leben, die bereits den halben Arbeitslohn verschlingen: es reicht eben vorne und hinten nicht. Und das bekommen die Schwächsten der Gesellschaft zu spüren: Kinder und Hunde.

Die bulgarischen Waisenhäuser etwa sind nämlich gar keine Waisenhäuser, sondern beherbergen großenteils Kinder, die von lebenden Eltern dort abgegeben worden sind, weil die kein Geld hatten, um sie ernähren und zur Schule schicken zu können oder weil sie - legal, illegal oder scheißegal - ins Ausland gegangen sind, um dort das Fehlende zu verdienen. Mirko Schwanitz, ein deutscher Reporter, hat den Anblick, der sich ihm bot, nicht ertragen:

Originalton 1: Mirko Schwanitz (deutsch)

„Die Kinder lebten in dunklen, relativ großen Massenschlafsälen. 13 bis 14 Kinder teilweise in einem Raum. Es stank entsetzlich nach Urin. Der Fußboden war teilweise schon so verfault, dass er sich in der Mitte durchbog, so dass bestimmte Stellen in den Zimmern schon gesperrt waren - da durften die Kinder nicht drauftreten. Es gab für 50 Mädchen eine vollkommen verdreckte Toilette - nicht verdreckt, weil nicht sauber gemacht wurde: sie war einfach so alt und auch teilweise kaputt... Statt Armaturen ragten Schläuche aus den Wänden, aus denen das Wasser unaufhörlich floss, weil es sich nicht abstellen ließ. Die Heizungen sind ständige Energiefresser, so dass auch die Energierechnung nicht bezahlt werden konnte...

Autor: Und so weiter... Schwanitz erkannte schnell, dass hier mit einem einmaligen moralischen Entlastungsschlag, also einem Hilfstransport, nur Kosmetik betrieben worden wäre. Er ging aufs moralisch Ganze und gründete „in einem Anfall von Wahnsinn“, wie er es nennt, den „Verein Zur Förderung Bulgarischer Kinderheime“. Innerhalb von kaum zwei Jahren schaffte er es, nur mit Geld- und Sachspenden privater Sponsoren einen nach modernsten pädagogischen Gesichtspunkten konzipierten Neubau zu errichten. Er weiß aber nur zu gut, dass das nicht reicht: mit der Volljährigkeit landen die Kinder in der Arbeitslosigkeit, wenn sie keinen Beruf mit Zukunft erlernt haben. Deshalb plant er als Erweiterungsbau ein Ausbildungszentrum. Er, der erfahrene Reporter, wandte sich mit diesem Anliegen an die Vertretung der „europäischen Wertegemeinschaft“ in Sofia. Er dachte, sein Argument, dass es in Bulgarien im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung noch mehr Heimkinder gibt als in Rumänien, und dass es denen noch schlechter geht, würde ihm helfen. Doch seine Bilanz ist ernüchternd:

Originalton 2: Mirko Schwanitz (deutsch)

„Wir bekommen Geld, um eine Ausbildung zum Beispiel durchzuführen, wir bekommen aber keinen Cent, um einen Ziegelstein zu kaufen. Es kostet bei Weitem nicht so viel Geld, so ein Haus zu bauen hier wie wenn wir es in Deutschland machen würden, ja, und trotzdem ist niemand bereit, auch kein großes Unternehmen in Deutschland bisher bereit, eine größere Geldspende für so ein Projekt zu geben, und die EU schon gar nicht.

Autor: Es stimmt also: der Obdachlose soll schon arbeiten, der pädagogische Eifer der Aufklärung bezahlt ihm auch die Ausbildung, aber offenbar soll er das als Pfadfinder tun, der nach Feierabend im Zelt kampiert. Denn der Bau des sogenannten festen, aus Stein erbauten Wohnsitzes liegt nach EU-Auffassung in der Zuständigkeit des jeweiligen Staates, egal, wie arm er ist. Selbst die UNESCO, die in Lateinamerika durchaus auch als Bauherr auftritt, hat Schwanitz abgesagt. Also ist der eine, der fertige Bauflügel doch wieder doppelt belegt, nutzt sich entsprechend ab, so dass er nachhaltige Erfolg der ehrenamtlichen Mühen: menschenwürdige Unterbringung und Berufsvorbereitung auf das Leben nach dem Heim am seidenen Faden hängt.

Wie ist es mit der Menschenwürde zu vereinbaren, dass wir Kinder auf den Hund und Hunde auf die Menschenwürde kommen lassen? Denn den Tieren wird geholfen bei der Angleichung der Gesetzgebung, und bei der Durchführung von Programmen wie etwa der Kastration von Straßenhunden helfen die mitgliederstarken deutschen Tierschutzorganisationen. Zwar werden die infrastrukturellen Grundlagen, sozusagen der Teller, in den die Suppe geschöpft werden kann, auch hier nicht gelegt. Die Lage in den Tierasylen ist elendig. Aber die Tiere können, bis sie dorthin gelangen, im Gegensatz zu den Kindern auf der Straße überleben. Wenn die Anwohner die süßen kleinen Welpen vor ihrem Wohnblock sehen, bauen sie ihnen hölzerne Verschläge, werfen ihnen Brotreste und Leckerli zu.

Die bulgarische Studenteninitiative „Intimate with Nature Society“ verfolgt deshalb die Strategie, einen Interessenausgleich herbeizuführen. Die - man glaubt es kaum - 500.000 Hundehalter allein in Sofia sollen konsequenter registriert und ihre Hunde mit Marken versehen werden. Wer sich einen Hund anschafft und den dann auf die Straße setzt, soll identifiziert und bestraft werden können.

Die Studenten sind sich der tragischen Verbindung von Ökonomie, Ökologie und Ethik, die Bulgarien daran hindert, sich der europäischen Wertegemeinschaft anzuschließen, nämlich vollkommen bewusst:

Originalton 3: Radostina Zacharieva (bulgarisch):

Übersetzerin: Wir jungen Leute, Studenten, sind uns klar darüber, dass das eine Richtung ist, in die sich unsere Gesellschaft entwickeln muss. Im Moment, bei diesen schwierigen ökonomischen Bedingungen, sind die schwächsten und verletzbarsten Gruppen Kinder, Rentner und Tier. Die haben es am schwersten. Auf der anderen Seiten ist dafür auch das Fehlen jener Einstellung verantwortlich, von der Walja gesprochen hat: der guten Beziehung zu sich selbst und zur Umwelt. Darum hoffen wir und unser Verband auf einen Durchbruch im Denken der Leute und auf diese Weise zum Erfolg zu kommen.

Autor: Die Bulgaren müssen also lernen, dass der Letzte, den die Hunde beißen, ihre eigenen Kinder sind. Und der Westen mit seiner weißen Weste aus Moral sollte begreifen, dass er sich in den Schluchten des Balkans nicht zwangsläufig Flecken aufs Hemd macht, wenn er mal etwas beherzter hilft. Klar, die Kassen der EU sind leer. Aber wer jetzt bei vorbildlichen Projekten nachhaltig hilft, spart in der Zukunft. Wir brauchen auch keine Angst zu haben, wenn wir aus dem Zimmer eines Sofioter Hotels die folgenden Geräusche hören. (EINBLENDEN ATMO HUNDEGEBELL): denn auch bulgarische Hunde, die bellen, beißen nicht immer – sie haben nur Hunger. Dann hören sie sich manchmal fast so an wie weinende Kinder.

© WDR 3 07.11.2003