Pressemitteilunge und -berichte
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Die Lage der bulgarischen Heimkinder - ein Fallbeispiel

Ohne Dach und ohne Flügel
Die Lage der bulgarischen Heimkinder - Ein Fallbeispiel

von Thomas Frahm

1. Originalton: Beratungsgespraech zwischen Mirko Schwanitz und Dona Koleva, ueber einen Bebauungs- und Kostenplänene)

Mirko Schwanitz: "Ja, das ist ja nur der Rohbau, was wir hier haben. Dona Koleva: Das ist Rohbau. Mirko Schwanitz: Der Innenausbau kommt dann noch dazu. Dona Koleva: Wir müssen Fenster, Türen noch bezahlen. Wir müssen dann Fußboden und sanitäre Einrichtungen bezahlen. Mirko Schwanitz: Es wäre natürlich gut, wenn wir bei Gelegenheit demnächst so ne Grobkalkulation für diese Arbeiten bekämen, damit wir auch wissen, wie viel Geld wir auftreiben müssen. AB HIER LANGSAM AUSBLENDEN Das müssen wir ja auch langsam... damit wir wissen, was auf uns zukommt. Dona Koleva: Also, wenn der Ytong um die 8000 Euro kann, usw. usw....“

Autor: Mirko Schwanitz, der Mitbegründer des „Vereins Zur Förderung Bulgarischer Kinderheime“, ist zum wiederholten Male in Bulgarien, um mit Dona Koleva, der Vorsitzenden seines bulgarischen Partnervereins, über den nächsten Bauabschnitt des Kinderheim-Projektes in der südbulgarischen Großstadt Plovdiv zu beraten. Dona Koleva spricht sehr gut deutsch, weil sie viele Jahre in der DDR in pharmazeutischen Labors gearbeitet hat. 1990, nach der politischen Wende, kehrte sie mit ihren Ersparnissen nach Bulgarien zurück, um dort eine eigene Firma aufzubauen, in der sie mittlerweile über 100 Arbeitnehmer beschäftigt. Die Not, die sie in ihrer Heimat antraf, ließ die gläubige Christin nicht lange zögern, Mirko Schwanitz bei seinem Kinderheim-Projekt in ihrer Geburtsstadt nach Kräften zu unterstützen.

Schwanitz selbst war 1997 als Reporter nach Bulgarien gekommen, um für eine sogenannte „human-touch“-Story in einer auflagenstarken Frauenzeitschrift die Lage der bulgarischen Heimkinder zu recherchieren. Was er erfuhr, schockierte ihn zutiefst:

2. Originalton: Mirko Schwanitz

„Es gibt eine Studie der Weltbank. Und diese Studie besagt eindeutig, dass zumindest momentan Bulgarien das Land in Europa mit der größten Anzahl an Heimkindern ist, gemessen an der Bevölkerung. ... Deutschland hat 80 Millionen Einwohner und hat 65.000 Kinder in Heimen. Bulgarien hat 8 Millionen Einwohner ... und hat 35.000 Kinder in Heimen. Hier werden mal die Dimensionen sichtbar, welche dieses Problem hier hat ... und da das eben nicht bekannt ist und die Bulgaren in ihrer Würde ein sehr stolzes Volk sind, bitten sie auch nicht gern um Hilfe, während es Rumänien im Prinzip marketingmäßig richtig gemacht hat: sie haben geklappert, sie haben darauf hingewiesen, wo es die Probleme gibt, die Medien haben das unterstützt. ... Uns ist also klar, dass die Aufmerksamkeit sehr stark dahin gelenkt wurde, aber Rumänien bekommt wesentlich mehr humanitäre Hilfe in diesem Bereich - wesentlich mehr - als Bulgarien.“

Autor: Schwanitz’ Reportage fiel denn auch so düster aus, dass besagte Zeitschrift den Text ohne Begründung ablehnte. Vermutlich legen Regenbogenblätter die Grenzen des „Gemütsfaktors“ so fest, dass die Berichte niemals schwärzer sein dürfen als der Kaffee, der bei ihrer Lektüre getrunken wird, während die abgebildeten Kinder süßer sein sollten als das Gebäckstück, das daneben liegt.

Schwanitz packte die Wut. Er organisierte einen Hilfstransport, erkannte aber schnell, dass derlei Tropfen auf den heißen Stein viel zu schnell verdampfen, um dauerhafte Linderung der Not zu bewirken. Deshalb krempelte er die Ärmel hoch, mobilisierte engagierte Freunde und Helfer, gründete einen Förderverein und beschloss, dort zu beginnen, wo die Zustände ihm am katastrophalsten erschienen: im Kinderheim „Maria-Luisa“ in Plovdiv, das - fast zynisch - benannt ist nach der letzten Kronprinzessin Bulgariens, der Schwester des jetzigen Premiers Simeon von Sachsen-Coburg-Gotha.

3. Originalton: Mirko Schwanitz:

„Als ich 1997 das erste Mal hierher kam, fand ich also ein Gebäude vor, das 40 Jahre nicht mehr rekonstruiert worden ist. Die Kinder lebten in relativ dunklen, großen Massenschlafsälen, 13 bis 14 Kinder teilweise in einem Raum. Es stank entsetzlich nach Urin. Der Fußboden war teilweise schon so verfault, dass er sich in der Mitte durchbog, so dass also bestimmte Stellen in den Zimmern schon gesperrt waren - da durften die Kinder nicht drauftreten. Es gab für 50 Mädchen eine vollkommen verdreckte Toilette - nicht verdreckt, weil nicht sauber gemacht wurde: sie war einfach so alt und auch teilweise kaputt... Statt Armaturen ragten Schläuche aus den Wänden, aus denen also das Wasser unaufhörlich floss, weil es sich gar nicht abstellen ließ. (REGIE: BEIM FOLGENDEN SATZ LANGSAM AUSBLENDEN): Die Heizkörper ständige Energiefresser, so dass auch die Energierechnung nicht bezahlt werden konnte...“

Autor: Jeder bloße „remont“, jede Renovierung, hätte zwar die baulichen Krankheiten für eine Weile kuriert, nicht aber die Lage der Kinder entscheidend verbessert. Was Schwanitz - neben der menschenunwürdigen Behausung an sich - gar nicht gefiel, waren die gefängnisartig vergitterten Fenster, die nach bulgarischem Gesetz vorgeschrieben sind. Und der Kasernenhofton der Betreuer, die keine Heimpädagogen, sondern einfache Lehrer ohne sonderpädagogische Ausbildung waren, machte ihm klar, dass auch im Bereich der Pädagogik ein „Neubau“ erfolgen musste. Schwanitz erzählt das Fallbeispiel eines traumatisierten Jungen in den Flegeljahren, der wegen einer simplen Prügelei von der - Gott sei Dank ehemaligen - Leiterin des Heimes verwiesen und in just das Haus zurück geschickt wurde, in dem seine Mutter in seinen Armen unter den Messerstichen des Vaters verblutet war.

Der anfängliche Plan, das verrottete Gebäude von Grund auf neu zu errichten, erwies sich aber auch aus anderen Gründen rasch als unzureichend. Denn was würde aus den Kindern nach Erreichen der Volljährigkeit werden? Koleva und Schwanitz, deren Vereine den gesamten bisherigen Bau aus Privatspenden finanziert hatten, wandten sich an die Niederlassungen der EU und die UNICEF in Sofia mit der Bitte, ihnen den Anbau eines Ausbildungszentrums zu finanzieren. Doch dabei erlebten sie ihr blaues Wunder:

4. Originalton: Mirko Schwanitz

„Na ja, es ist also ganz klar, dass viele Stiftungen in Deutschland, auch UNICEF zum Beispiel, zumindest in Osteuropa nicht bereit sind, solche Projekte zu unterstützen. Also, wir bekommen Geld, um eine Ausbildung ... durchzuführen, wir bekommen aber keinen Cent, um einen Ziegelstein zu kaufen. ... Es kostet bei weitem nicht soviel Geld, so ein Haus hier zu bauen, wie wenn wir es in Deutschland machen würden, und trotzdem ist niemand bereit, auch kein großes Unternehmen in Deutschland bisher bereit, ne größere Geldspende für so ein Projekt zu geben - und die EU schon gar nicht!“

Autor: Die EU pocht nämlich darauf, dass die Bereitstellung und Finanzierung der Infrastruktur in die Hoheit des jeweiligen Staates fällt. Aber wie soll der Staat die nötigen Mittel aus seinem ohnehin zugleich reformbedürftigen und überbeanspruchten Sozialetat lockermachen, wenn die meisten der1000 größten bulgarischen Firmen einfach keine Steuern bezahlen, sondern lieber ein kleines Bakschisch an ihren Bekannten im Ministerium?

Für die Kinder in den bulgarischen Heimen wird es aus diesen Gründen daher nicht erst dann ernst, wenn sie in die Selbstständigkeit entlassen werden. Das, was der Staat für sie aufbringen kann, ist an sich so niedrig, dass die Heimleitungen jeden Tag befürchten müssen, dass das Geld für die nächste Mahlzeit nicht mehr reicht. Darina Kukeva, die Leiterin des Heims „Maria Luisa“, resümiert:

5. Originalton: Darina Kukeva (bulgarisch)

Übersetzerin: „Bedauerlicherweise liegt der Tagessatz für ein Kind bei nur 15 Cent. Mit diesen 15 Cent müssen die Kinder ernährt und gekleidet werden, und es müssen Schulbücher gekauft werden. Gib Gott, dass kein Kind krank wird und Medikamente gekauft werden müssen! Es ist schrecklich schwer. Überleben können wir nur dank ausländischer Sponsoren, die Kleider, Sachspenden oder konkrete Finanzhilfen gewähren. In Bulgarien gibt es nur wenige Spender oder Firmen, die vermögend genug und willens sind, um zu helfen.“

Autor: Das Erbe der Vettern-Planwirtschaft aus kommunistischer Zeit drückt sich aber nicht nur im katastrophalen Zustand des staatlichen Sozialbudgets aus. Die noch immer aufgeblähte Bürokratie selbst ist es, die mit unvorstellbaren Hürden jeder kreativen Lösung im Wege steht. Dona Koleva zum Beispiel hat eine phantastische Idee:

6. Originalton: Dona Koleva (deutsch)

„Unsere Dörfer sind zur Hälfte verlassen. Und ich habe persönlich mit meinen Eltern gesprochen, die mit mir in der Stadt wohnen, weil sie schon über 80 Jahre alt sind. Die haben gesagt: Schenke doch unser Haus mit 2000 Quadratmeter Grundstück im Dorf... schenke doch an solche Waisenkinder. Und ich habe mit anderen Leuten gesprochen: die sind auch bereit, ihre Häuser zu schenken. Und dann habe ich angesprochen bestimmte Erzieher: Na, dann lasst uns doch solche Kommunen jetzt gründen. Wenn die Kinder jetzt das Heim verlassen mit 18, die können ohne weiteres in solch ein Dorf gehen und zwei-drei solche Häuser beziehen, zu zwei-drei Mädchen und Jungs, damit sie sich gegenseitig helfen ... und dann würden wir wahrscheinlich dieses Landwirtschaftliche College in Plovdiv engagieren, denen zu zeigen, wie man Land bearbeitet. ... Das wäre für mich eine Perspektive.“

Autor: Es wird wohl eine Perspektive bleiben, wenn nicht einflussreiche Freunde aus bloßer Mildherzigkeit - auch so kann es in Bulgarien gehen - die Kindersache von Koleva und Schwanitz zu der ihren machen und bei ihren Freunden in den Ämtern und Ministerien bei einem bulgarischen Schnaps und einer amerikanischen Zigarette um stillschweigendes Einvernehmen bitten.

Doch schon jetzt hat dieses deutsch-bulgarische Kinderhilfsprojekt gezeigt, dass selbst schwerste Probleme mit Engagement so gelöst werden können, dass die Betroffenen selbst, die Heimkinder, erhobenen Hauptes in mein Mikrofon sprechen können.

7. Originalton: Dimiter (bulgarisch)

Übersetzer: “Der Unterschied zum alten Haus, das völlig verrottet war, ist gewaltig. Jetzt schauen uns auch die Leute draußen mit anderen Augen an, nicht mehr so schehl wie vorher. Sie sehen einfach, dass wir jetzt anständig untergebracht sind. Also - wir sind euch sehr dankbar.“

© WDR 5 09.01.2004