
Pressemitteilunge und -berichte
Das Haus der vergessenen Kinder
Ein Journalist suchte eine Story - und fand die Katastrophe. Seitdem organisiert er Hilfsaktionen für bulgarische Waisen
von Thomas Frahm
Das Thema Kinder macht sich immer gut in Frauenzeitschriften. Und je mehr die Story ans Herz greift, desto besser. Dachte sich auch der junge Berliner Reporter Mirko Schwanitz, en Profi. Und weil er sich in seiner Arbeit auf die Balkanländer spezialisiert hatte, wusste er: Dort finde ich was. Rumänische Kinderheime: bekannte Geschichte. Schaun wir doch mal auf der anderen Seite der Donau nach, beim südlichen Nachbarn Rumäniens, in Bulgarien. das war 1997, vor fast sieben Jahren
Doch die Recherche-Tour durch das Land, dessen Zen-tralgebirge der ganzen Balkan-Halbinsel den Namen gab, entwickelte sich zum Horrortrip. Schwanitz besuchte Heime, die am Ende der Welt lagen, und sah Kinder, für die die Welt tatsächlich fast zu Ende war. Spätestens wenn sie die Volljährigkeit erreichten, würden sie mangels Ausbildung ins sichere Elend entlassen. Bis dahin hieß Leben wenigstens noch: Eine Notration Essen in verrotteten Gebäuden mit undichten Dächern, verfaulten Fußböden, schimmeligen Wänden und mangels Glas - mit Tüchern oder Plastik verhängten Fenstern. Es hieß: zwanzig, dreißig Kinder in einem ungeheizten Raum von fünfzehn, zwanzig dreißig Kinder in einem ungeheizten Raum von fünfzehn, zwanzig Quadratmetern, einer einzigen Dusche für fünfzig Kinder, überforderten Heimpädagogen, die die Kinder mit 15 Cent staatlicher Hilfe pro Tag durchbringen mussten. Schulbesuch war nur möglich, wenn zufällig eine Schule in der Nähe lag.
Bloß nicht die Frauen schockieren
"Bulgarien hat, was kaum einer weiß, die höchste Heimkinderquote Europas, liegt noch vor Rumänien", erklärt Schwanitz: "Von nur acht Millionen Bulgaren leben 35 000 Kinder in Heimen. Das sind - gemessen an der Gesamtbevölkerung - mehr als fünf Mal so viele wie in Deutschland!"
Die Reportage, die Schwanitz ablieferte, fiel derartig schockierend aus, dass die Frauenzeitschrift es rund heraus ablehnte, sie zu drucken obwohl man sie bei ihm in Auftrag gegeben hatte. Die Leserin, die solche Illustrierten kaufe, hätte zwar ganz gerne mal Geschichten mit ein bissehen "human touch", aber bitte keine schreiende Not, die an die schlimmsten Nachkriegsjahre erinnere.
Diese bittere Lektion über die Gesetze des Medienmarktes wollte Schwanitz aber nicht schlucken. Der sportlich-zähe Mann mit dem energischen Kinn zeigte Zähne. "In einem Anfall von Wahnsinn", sagt er, "rief ich ein paar Freunde an. Wir organisierten ein paar Hilfstransporte. Aber wir wussten, das war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Und so gründeten wir unseren "Verein zur Förderung bulgarischer Kinderheime."
Er fuhr erneut nach Bulgarien. Und erkannte schnell, dass es ohne bulgarische Partner und eine gewisse Infrastruktur nicht ging. Deshalb befand sich das Heim, bei dem er mit der Arbeit beginnen wollte, in der südbulgarischen Metropole Plovdiv, die auf den ersten Blick mit ihrer zauberhaften Fachwerk-Altstadt, mit ihrer Lage auf drei Hügeln, der Nähe zum wildromantischen Rhodopen-Gebirge und ihren Sehens-würdigkeiten eher zum Städtetourismus als zu humanitärer Hilfe einzuladen scheint. Auch der Name des Kinderheimes, das er in einer Gasse des Grün¬derzeitviertels von Plovdiv fand, klang romantisch: Kinderheim "Königin Maria Luisa".
Maria Luisa, die älteste Tochter des Herzogs von Parma, hatte 1893 den ersten bulgarischen Zaren nach der Herauslösung des Landes aus dem Osmanischen Reich geheiratet: Ferdinand von Sachsen-Coburg-Gotha, den Großvater des jetzigen Ministerpräsidenten Simeon II.
Der Zustand dieses "adligen" Heimes spottete jeder Be-schreibung. Es war 50 Jahre lang nicht renoviert worden und drohte einzustürzen. Da half keine Kosmetik mehr. Da halfen nur Abriss und Neubau.Schwanitz fand die richtige Partnerin: Die Unternehmerin Dona Koleva hatte in der DDR studiert und anschließend lan-ge Jahre dortin derpharmazeutischen Industrie gearbeitet. 1990 kehrte sie mit hervorragenden Deutschkenntnissen, ein paar Ersparnissen und gehöriger Sachkenntnis nach Bulgarien zurück, um dort einen eigenen pharmazeutischen Betrieb aufzubauen, der trotz aller bürokratischen Hürden gedieh und inzwischen nicht' nur über 100 Mitarbeiter beschäftigt, sondern auch die DIN-Normen der EU erfüllt.
Vergitterte Fenster, hohe Mauern
Die gläubige Christin Koleva erklärte sich sofort bereit, einen bulgarischen Partnerver¬ein zu gründen und Schwanitz vor Ort
bedingungslos zu unterstützen."Die Vorstellungen, auf die wir bei den Heimpädagogen und in der Verwaltung trafen", so Schwanitz, "kamen uds mittelalterlich vor. Gitter vor den Fenstern, eine Mauer um das Heim. Wir sagten eines Tages ganz deutlich: Wir wollen kein Gefängnis bauen, sondern ein Heim für Kinder!" So sind eben die Vorsohrifter erwiderten ihm die Beamten. "Doch in Bulgarien gibt es immer eine Lösung", weiß der engagierte Reporter: "Es gibt in unserem Neubau keine Gitter vor den Fenstern! Und die Mauer ist so niedrig, dass die Kinderaus ihren Räumen im zweiten Stock ins Freie sehen könnenf"
Bis zur Fertigstellungldes ersten Bautraktes waren immen¬se Hürden zu überwinden. Gut gemeinte Sachspenden aus Deutschland konnten auf Grund der Hygienebestimmungen nicht an ihren Ziel ort gelangen. Und obwohl Schwanitz' und Kolevas Initiative zu
einem der besten humanitären Projekte in Deutschland gekürt wurde, erwies es sich als Ochsentour, Sponsoren aufzutreiben.
Dennoch: die Fundamente des unterkellerten zweiten Traktes sind schon gelegt. Zwischen den beiden Teilen soll ein Ausbildungszentrum mit Werkstätten entstehen. Doch UNiCEF und die EU machen keine Mittel locker. Für Ausbildungsprogramme, ja, dafür würden sie Gelder bekommen. Doch für die Gebäude, in denen der Unterricht stattfinden soll, ist das jeweilige Land zuständig, egal, wie arm es ist. "Ärgerlich ist nur", schimpft Schwanitz, "dass UNICEF in Lateinamerika und Afrika durchaus Baumaßnahmen bezahlt; warum dann nicht hier, in Europa, in einem Land, das bald zur EU gehören soll?"
Die 90 Kinder, die das Glück haben, in dem neuen Heim mit der ebenso liebevollen wie tüchtigen Leiterin Darina Kukeva zu leben, sind einfach nur dankbar für alles, was ihnen da widerfahren ist. Dona Koleva erzählt begeistert, wie sich die Jungen und Mädchen in ihrem Sozial- und Lernverhalten zum Positiven verändert hätten, seitdem es eine Perspektive für sie gäbe. Und Schwanitz, dessen Elan ungebrochen ist, fügt hinzu: "Wenn wir hier fertig sind, machen wir uns an das nächste Heim."
Wer helfen will: Das Projekt heißt "Rekonstruktion des Waisenhauses 'Königin Maria Luisa"'.
E-Mail: verein@bulgarische-kinderheime.de
Internet: www.bulgarische-kinderheime.de
Spendenkonto:
Berliner Bank
BLZ:100 200 00
Konto Nr. 42 23 90 01 00
© Neue Ruhr-Zeitung 15.03.2004






Das Haus der vergessenen Kinder