Pressemitteilunge und -berichte
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Bulgariens vergessen Heimkinder

Bilder von Heimkindern in verrotteten Unterkünften kennt man in Westeuropa vor allem aus Rumänien. Im Nachbarland Bulgarien herrschen erschreckend ähnliche Zustände. Jetzt können unsere Leser helfen. Die anderen Kinder im Heim meinen, dass Magdalena ein seltsames Mädchen ist. Magdalena sagt: „In so einem Heim, da kann man niemandem wirklich vertrauen.“ Die 16-jährige Bulgarin wirkt jünger als deutsche Jugendliche in ihrem Alter. Sie trägt ein eng anliegendes Oberteil in Leopardenmuster, das nicht zu ihren brav zurückgekämmten Haaren mit den kleinen Spängchen passt. Immer wieder zupft sie daran herum,
zieht es herunter, damit es ordentlich über der Hose liegt. In ihren braunen Augen liegt zurückhaltende Freund-
lichkeit, sie prüft ihr Gegenüber ständig, scheint hin- und hergerissen zwischen tiefem Misstrauen und dem Wunsch nach Nähe.

Magdalena Emilova Welschova war noch ein kleines Kind, als sie mit ihren fünf Geschwistern in das Kinderheim Königin Maria Luisa am Rande der Altstadt von Plovdiv kam, der zweitgrößten Stadt Bulgariens. Sie ist die Viertälteste unter zwei Brüdern und vier Schwestern. Ihren Vater hat sie nicht gekannt, wie keines der Geschwister. Die Mutter war Prostituierte und häufig „grell geschminkt“. An viel mehr kann sich Magdalena nicht erinnern.

Ihr kleinster Bruder Nito, „der hat Glück gehabt“, sagt sie, und ein bisschen Neid schwingt in ihrer Stimme mit.Der Junge wurde von seinen Pateneltern in Deutschland adoptiert. „Warum habe ich nicht so viel Glück?“ Magdalenas Gedanken kreisen ständig um diese Frage. „Ich möchte, dass es Leute gibt, die sagen: Das ist meine Tochter.“ Es ist Sonntagnachmittag, Gesangsstunde im Kinderheim. Die Lehrerin, eine ältere Dame, die ehrenamtlich ins Heim kommt, spielt auf einem alten Akkordeon, dessen Gehäuse offenliegt, oder begleitet den Gesang der etwa 20 Heimkinder auf dem leicht verstimmten Klavier. Die Kinder singen aus voller Kehle
mit. Magdalena wartet auf ihren Einsatz. Die Lehrerin hat eigens für sie ein Lied geschrieben, das ihr viel bedeutet und das sie gerne vortragen möchte. Selbstbewusst stimmt sie es an, plötzlich ganz in ihrem Element, kein linkisches Zupfen mehr. Es ist eine traurige Melodie, die bulgarischen Worte erzählen von der Sehnsucht des Mädchens: „Wenn ich zwei Augen hätte, die sich an mich erinnern, dann wäre ich glücklich, wenn es zwei Arme gäbe, die mich umarmen, dann wäre ich glücklich.“

Magdalena teilt sich das Zimmer mit drei anderen Mädchen. Ein Hochbett, ein Kleiderschrank, das ist ihr Reich im Kinderheim. Mit ihr leben dort 100 weitere Kinder, die ähnliche Geschichten erzählen könnten, die entweder keine Eltern mehr haben oder nicht bei ihnen leben konnten. Sie alle hatten Glück in ihrem Unglück, denn sie leben in dem modernsten Kinderheim, das Bulgarien zu bieten hat. Vor mehr als zehn Jahren besuchte der deutsche Journalist Mirko Schwanitz die Einrichtung, um eine Reportage über Heime in Bulgarien zu schreiben. Die Zustände in den Elendsquartieren der rumänischen Heime machten gerade die Runde in den europäischen Medien. Das Heim Maria Luisa hatte damals vieles mit ihnen gemeinsam: Stallungen aus den Jahren um 1830 waren Anfang des 20. Jahrhunderts zu dem Heim für Waisenkinder umgebaut worden, die erste und bis 1997 letzte Renovierung war Anfang der 60er-Jahre erfolgt. 20 Kinder zwischen 4 und 20 Jahren teilten sich einen Raum, ein Loch im Boden diente als Toilette, nur im Winter wurden die undichten Räume ein wenig geheizt, der Geruch nach Urin lag ständig in der Luft. An eine pädagogische Betreuung war unter solchen Umständen nicht zu denken.

Essen, Kleidung, ein Bett, die Grundausstattung zum Erhalt eines Menschenlebens war vorhanden, mehr nicht. Viele Journalisten sind in den 90er-Jahren gekommen, alle waren schockiert von den Lebensumständen der Kinder. Alle versprachen zu helfen, doch keiner schien Wort zu halten. Die kleine Magdalena kam erst später in das Plovdiver Heim. Als Mirko Schwanitz seinen Verein zur Förderung bulgarischer Kinderheime bereits gegründet hatte, und als die Stallungen Wohneinheiten mit freundlichen Zimmern gewichen waren. Die Erzieher konnten sich erstmals über die „seelische“ Betreuung der Kinder Gedanken machen. „Sie wissen,
dass sie alleine sind. Sie sind rückständig in ihrer sozialen Entwicklung. Deshalb brauchen sie uns hier“, sagt Erzieherin Dafina Stojanowa. Doch auch ihr fällt es schwer, die Motivation aufrechtzuerhalten. Von dem Geld, das sie im Heim verdient, kann sie selbst kaum leben – 300 Lewa im Monat erhält sie, das entspricht etwa 150 Euro.

Zurzeit werden die Prioritäten in ihrem Land anders gesetzt: Während die Kulturstadt Plovdiv, die das Heim umgibt, äußerlich schon rasant auf dem Modernisierungszug in die Europäische Union fährt, bleiben diejenigen ohne familiären Rückhalt und Förderung auf der Strecke. Bulgarien ist bis heute das europäische Land mit der höchsten Heimkinder-Quote: 35 000 kommen auf 7,2 Millionen Einwohner. „Aber das ist im Rest von Europa kaum bekannt, weil die Bulgaren diese Zahlen auch nicht gerne kommunizieren“, erklärt Schwanitz. Die meisten Jugendlichen verlassen das Heim ohne Berufsausbildung. Deshalb wollen der Journalist und seine Mitstreiter, die inzwischen auch einen bulgarischen Partnerverein haben, es auch nicht bei neuen Räumen belassen.

Weitere Heime sollen zu menschenwürdigen Wohnstätten entwickelt werden, und ein neues Projekt in Plovdiv soll in Bulgarien Kreise ziehen: Das Heim Maria Luisa wird um ein Ausbildungszentrum, Therapieräume und eine Großküche erweitert. Die Kinder sollen im Heim Berufe erlernen. Für Mirko Schwanitz ist das der einzige Weg aus dem bisher vorgezeichneten Verlauf einer bulgarischen Heimkind-Karriere, die meist in Kriminalität und Prostitution endet.

Auch unsere Leser können helfen: Die Initiative unserer Zeitung HELFT UNS LEBEN wird den Bau der neuen Großküche im Plovdiver Heim unterstützen. Für die ältere Schwester von Magdalena wird all diese Hilfe zu spät kommen. Sie ist aus dem Heim geflüchtet und landete auf der Straße. Die Heimleitung weiß das, aber Magdalena nicht. Sie hat ihre Träume, sie möchte später einmal Friseurin werden. Und eine echte, eigene Familie haben.

RENA LEHMANN

© Koblenzer Rhein-Zeitung 08.12.2007