
Pressemitteilunge und -berichte
Plovdiver Begegnungen
von Sylke Schröder
Die dunkle Seite in uns selbst
Es sind die kleinen Charakterschwächen, die niemandem schaden und nur dem, der sie bemerkt, ein ironisches Schmunzeln auf die
Lippen legen. Und doch scheinen sie kostbar wie Seide, sofern sie nur die anderen haben. Lullen sie uns ein in dem berauschenden Gefühl, vermeintlich erhaben über den Dingen zu stehen. Ganz zu schweigen von der heilsamen Wirkung der kollektiven Solidarisierung oder gar Schadenfreude – nur dazu angetan, von der dunklen Seite in uns selbst abzulenken. Umnebelt von dieser Aura waren die Begegnungen des zweiten Abends in Plovdiv.
Auf der Suche nach der Galerie Anastas flanieren wir zwischen den Steinen der Plovdiver Altstadt, die einer vergangenen Zeit
entrückt zu sein scheint und durch deren Fenster und Türen nur entfernte Lebensgeräusche dringen. Hier und da bietet ein
Händler Stoffe oder zerbeulte Kupferkannen feil, die Abendsonne lugt vorwitzig zwischen den Mauerritzen hervor. Die Bäume wiegen ihre Äste fast bis hinab auf das ausgetretene Pflaster. Die Stille der sich nach oben windenden Gassen lässt uns unser Ziel fast aus den Augen verlieren.
„Sind Sie der Künstler?“, frage ich den Herren, der uns am Eingang empfängt. „Nein, ich bin der Dolmetscher. Den Künstler erkennen Sie an seiner Beethoven-Frisur.“ Neugierig treten wir ein. Der Fauxpas Anastas Konstantinov – der große bulgarische Maler –
erlaubt uns für einen kurzen Moment einen Blick in die Tiefen seiner Seele. Zwölf Flaschen Cabernet-Sauvignon lässt er an unseren Tisch bringen, an dem er keinen Platz bekam. Der Dankestoast huldigt dem großen Künstler erneut. Anastas scheint auf diese Geste gewartet zu haben. Ähnlich einem Löwen, der im nächsten Moment eine Antilope reißen wird, sucht und findet er sein Opfer: Donna,
eine erfolgreiche Pharma-Unternehmerin, die den bulgarischen Förderverein einst gründete. Plötzlich drängt es aus Anastas heraus: Reich zu sein, ohne eines seiner Bilder zu kaufen und es bei wohl nicht ganz so ernst gemeinten Interessenbekundungen zu belassen – das ist zu viel für einen Ausnahmekünstler .
Dabei waren die Stunden, die wir zuvor in seiner Galerie verbrachten, wunderschön: Die Gemälde kraftvoll und expressionistisch. Sie zeigen ebenso wie die Skulpturen die Bereitschaft zum jederzeitigen Ausbruch. Sie verraten den ungestümen Charakter des Künstlers, der dem eines wilden Tieres gleicht, und sie verabscheuen Konventionen und Heuchelei gleichermaßen.Weniger
das immer wiederkehrende Kreuz in seinen Bildern als vielmehr der dumpfe Das neue Bild Später treffen wir uns zum Abendessen in einem stilvollen Lokal, zwischen dessen Wänden ein wenig Schwermut wohnt. An unserem Tisch versammelt sich die deutsche Delegation; neben Donna und unserem Dolmetscher Kiril nehmen auch andere Bulgaren Platz, die wir nicht kennen, sie aber dennoch einladen. Auch der Masseur mit seiner Familie ist unser Gast. Nur Maria und Anastas fehlen. Noch wissen wir nicht, dass er uns später am Nachbartisch erneut begegnen wird, um uns 12 Flaschen besagten Weines zu kredenzen; worauf sich in unserer Runde auf wundersame Weise das Bild eines Menschen wandeln wird, der noch vor wenigen Stunden als Nationalheld aller Musen gefeiert wurde.Das neue Bild, welches den ganzen Menschen in Frage stellt, ohne dessen Mut und Ehrlichkeit zu sehen, wird sich wie ein schwerer, süßer Schatten über die Gemüter unserer Tafel legen. Aus den zwölf Flaschen Wein aber trinken wir bis Schrei nach einer besseren Daseinsform, nur ein vages Zeichen der Hoffnung, offenbart dem Betrachter einen unerschütterlichen Glauben.
Das stets präsente Auge lässt einen Menschen erkennen, der immer wieder in sich selbst nach dem Rechten schauen muss, jederzeit bereit, die Strukturen zu stürzen, um sie im Schweiße seines Angesichts erneut aufzubauen. Jedes Detail in Haus und Garten wurde von Anastas’ Hand liebevoll und mit einer solchen Zärtlichkeit gestaltet, die ganz im Gegensatz zu seinem unbändigen Geist steht.
Die Abendsonne färbt sich rot, als die junge Dichterin Maria Bógdanova aus ihren Gedichten liest. Ihr in sich ruhendes Wesen steht in starkem Kontrast zu dem unseres Gastgebers.
***
IM BEQUEMEN SESSEL
von Maria Bogdanova
Ungehorsame Wege
Wieder die Gleise, die Züge, der Bahnhof
und zwischen den Fingern,
durchdrungen von Kälte und Einsamkeit,
eine abbrennende Zigarette.
Bahnsteige mit Verabschiedenden
und Abholenden
wechseln sich ab...
Kaum geht man durch die suchenden Blicke,
schon stößt man mit den fremden
Umarmungen zusammen...
Wieder meine ungehorsamen Wege –
unvollendet und nicht begonnen,
und irgendwie ungestraft,
und irgendwie fragend verklungen...
...um sich so im weichen Sessel des Lebens
aus Kleinigkeiten einzurollen
und mich so zu sticheln,
dass ich auch zu Hause immer die Schuhe
zum Umherstreunen anbehalte...
***
8. Mai - der große Tag
Pressekonferenz: Erfolge und Visionen Anastas ist vergessen. Die Strahlen der Morgensonne beleuchten das frisch gestrichene Tor. Der Hof ist festlich geschmückt, während sich erste Gäste zwischen den Ausstellungswänden bewegen. Als Mirko Schwanitz, der Vorstandschef des deutschen Fördervereins, die Journalisten im einst marodesten Kinderheim Bulgariens begrüßt, zitiert er damit die Einschätzung des Bildungsministers. Noch vor wenigen Jahren lebten 140 Kinder in nur einem Raum. Heute sei Maria Luisa das erste Heim, welches die Vorgabe der Regierung erfülle, die Kinder in Kleingruppen unterzubringen – ähnlich wie in den SOS-Kinderdörfern. Eine Wohlfühlatmosphäre sei Voraussetzung für bessere Erziehungsarbeit, und so füllte er den tristen Speisesaal mit seinen Visionen. Er wolle, dass dieses Projekt ausstrahlt auf’s ganze Land. So soll ein dritter Neubau entstehen, um folgende Einrichtungen zu beherbergen: I den neuen Speisesaal, eine Großküche, die auch soziale Einrichtungen versorgt, Berufsausbildungsprojekte, um die Kinder mit einem Gesellenbrief ins Leben zu entlassen (Bäckerei, Friseur, Autowerkstatt)
Räume für Heimpsychologen, ein Zentrum für sexuell missbrauchte und traumatisierte Kinder, eine Wohnung, in der Kinder aus anderen Heimen wieder in ihre Familie integriert werden können.
Der Festakt
Als ich aus dem Speisesaal trete, ist der Hof voll gestopft mit festlich gekleideten Menschen, die wohl geordnet auf ihren
Stühlen sitzen oder sich einen guten Stehplatz ergattert haben. Die Wohnhäuser sind mit bulgarischen und deutschen Fahnen
und der EU-Flagge geschmückt. Offenbar soll letztere symbolisieren, dass das Heim auch von einem niederländischen und
französischen Verein unterstützt wird. Darina Kukewa, seit 2001 Leiterin des Heimes, begrüßt die Gäste. Schon 15 Jahre arbeitet sie hier und kennt die Probleme in- und auswendig, die sich viel zu sehr auf Geldsorgen konzentrieren. Ihr Wesen hat etwas Sanftes, aber ihr Blick verrät strenge Konsequenz.
Es folgen die Reden der ausländischen Fördervereine, allen voran die Deutschen. Mirko Schwanitz schwelgt zwischen Visionen, Erinnerungen und auch ein wenig Selbstmitleid. Als eine auffällige Erscheinung die Bühne betritt, besteht kein Zweifel, dass es sich um die Holländerin handelt. Die Deutschen mögen sie nicht, doch nach kurzer Zeit wird das Exzentrische ihres Charakters übermalt
von wilder Entschlossenheit und Mut. Sie ist die Einzige, die provoziert und die teilweise anwesenden Politiker auf die Plätze verweist. Ganz im Gegensatz dazu stehen die Worte des Franzosen, der es vorzieht, seiner Ausstrahlung ein charmantes Understatement zu verleihen.
Ca. 20 Heimkinder springen aufgeregt zwischen den Gästen hin und her; sie wurden für das Kulturprogramm ausgewählt. Immer wieder fällt mein Blick auf die 11jährige Slatka. Sie ist Dieter’s Patin, ebenso wie ihre jüngere Schwester Anastasja. Die Mädchen sind keine Waisen, aber es ist gut, dass sie hier ein zu Hause gefunden haben. Über ihre Mutter wissen sie nur, dass sie Prostituierte ist. Die 18jährige Miroslawa – Renate’s Patin – versucht sich als Moderatorin. Ihre Ausstrahlung wirkt auch auf mich. Fast könnte man meinen, öffentliche Auftritte gehörten zu ihrem täglichen Leben. Mit ihrer verhaltenen Körpersprache lässt sie deutlich erkennen, dass sie weiß was sie will. Doch ist es ein Selbstbewusstsein von der Art, das hinter den stechenden, hellen Augen eine große Verletzlichkeit zu verbergen sucht.
Die Kinder werden vom Plovdiver Knabenchor abgelöst, der auch schon in Deutschland gastierte.Weit reißen sie ihre Münder auf, geradeso wie junge Spatzen während der Fütterung. Einen dicken, hellhäutigen und sommersprossigen Jungen schließe ich sofort in mein Herz. Zum Schluss singen die Knaben zusammen mit den Heimkindern. Das neue Wohnhaus Schon gestern sahen wir uns im neuen Wohnhaus um. Zu jeder Wohnung gehören ein Aufenthaltsraum, eine Küche, drei Schlafzimmer und ein Bad. Im Wohnzimmer sticht ein Webteppich in kräftigen Farben ins Auge. Die Sitzecke lädt nicht zum Kuscheln ein, Zweckmäßigkeit stand hier im Mittelpunkt. Die Wände in hellen Grüntönen vermitteln eine positive Grundstimmung - ein neues, wunderschönes Heim!
Fragen an Mirko Schwanitz:
Vorstandsvorsitzender des Fördervereins für bulgarische Kinderheime e.V.
Die Lebensqualität im Heim hat sich deutlich erhöht, und die Kinder bekommen genug zu essen. Sehen Sie Ihre Mission nun als beendet?
Nein. Nun muss das bis bisher völlig überbelegte erste Wohngebäude saniert werden, das ja für 48 Kinder gebaut aber von zeitweise über 100 Kindern bewohnt wurde.
Was haben Sie außerdem vor?
Geplant ist die Errichtung eines Ausbildungs- und Therapiezentrums, das die Wohngebäude verbindet. Es beinhaltet u. a. Berufsausbildungswerkstätten, ein Zentrum zur Qualifizierung von Pädagogen und soll Mittel für das Heimbudget erwirtschaften.
Bisher wird „Maria Luisa“ vom Staat verwaltet. In Kürze wird die Stadt Plovdiv Trägerin des Heimes sein.Warum?
In Europa ist es üblich, dass Kommunen oder NGO’s Träger der sozialen Einrichtungen sind. Da Bulgarien in die EU will, muss es sich diesen Normen anpassen.
Was bedeutet das für „Maria Luisa“?
Ab 1. Januar 2007 wird das Heim der Kommune Plovdiv gehören. Die Kommune wird in allen Belangen unser Ansprechpartner. Das wird unsere Arbeit sehr erleichtern.
Gibt es auch Risiken?
Das größte Risiko auf dem Balkan ist das Personenkarussell in den Verwaltungen. Die Leute werden schnell ausgewechselt oder nehmen besser bezahlte Jobs an. Manchmal kann ein solcher Wechsel ein Segen sein. In jedem Fall aber fängt man wieder bei Null an.
Liegt das größte Risiko nicht darin, dass das Heim von der Kommune geschlossen und zweckentfremdet genutzt werden könnte?
Nein. Die Stadt übernimmt den zwischen uns und der Regierung geschlossenen justiziablen Vertrag, der vorsieht, dass die Gebäude 20 Jahre lang nur als Kindereinrichtung zu nutzen sind.Wenn nicht, müssen alle Investitionen zurückgezahlt werden.
Worin besteht derzeit Ihre vordringlichste Aufgabe?
Spenden sammeln für das Ausbildungs- und Therapiezentrum. Für den Rohbau ist zunächst eine Summe von 400000 Euro kalkuliert. Außerdem soll das Patenschaftsprogramm auf andere Heime ausgedehnt werden.
Dabei wünschen wir Ihnen viel Erfolg!
Hof-Eindrücke
Die Kinder haben die Hände voller Süßigkeiten, sie schwänzeln um die Gäste herum als wären sie auf der Suche nach einem reichen Onkel aus Amerika, doch unsicher darüber, wie man diesen identifizieren kann.Unterdessen schieben die in distanziertes Grau gekleideten Mormonen aus der Nachbarschaft einen Rollstuhl an mir vorbei. Sie haben gegessen und getrunken, aber nicht gespendet. Mirko erklärt mir den Grund. Die Mormonen stellten eine Spende unter der Bedingung in Aussicht, religiösen
Einfluss auf das Heim nehmen zu können.
Nur ein Bruchteil der Heimkinder ist heute zu sehen. Die Mädchen tragen blau-grüne Röcke und weiße Blusen. Andere sieht man in Landestracht. Doch wo ist der Rest? Iwan, den Jungen mit dem Gipsarm, suche ich heute vergeblich. Wir erfahren, dass an diesem Tag die meisten Kinder in der Schule sind. Die Mädchen und Jungen strahlen Selbstbewusstsein aus, nicht alle sind Waisen,
sie kommen zum Teil aus katastrophalen sozialen Verhältnissen. Eine Mutter mit Kleinkind auf dem Arm besucht ihre größeren
Kinder täglich im Heim und erklärt uns: „Ich bin zwar arm, aber deshalb keine schlechte Mutter.“
Zwischenzeitlich leert sich der Hof zusehends. Eine Nonne bedankt sich bei Vera, und ein kleiner Junge fragt sie, ob sie ihm schreiben wird. Die alte Dame aus der Nachbarschaft nickt mir im Gehen lächelnd zu. Die Kinder sind das Einzige, was dem Leben dieser Frau noch einen Sinn zu geben scheint. Jeden Tag lädt sie zwei Kinder in ihre Wohnung ein, weil sie nur zwei Kekse von ihrem Budget abknapsen kann.
Ein Tag der großen Gefühle war es nicht
Die Eröffnungsfeier war sehr schön, aber ein Tag der großen Gefühle war es nicht. Im Mittelpunkt standen nicht die Kinder, sondern die Taten der Großen. Die Kinder haben nun ein wunderschönes Heim, und das ist schon sehr viel. Was ihnen aber noch immer fehlt, ist aufrichtige Zuneigung, Herzlichkeit, ein Mensch, der sie spontan in die Arme schließt, auf sie eingeht oder einfach nur zuhört.
Patenschaften Ein paar der Heimkinder hatten großes Glück, sie haben nicht nur Pateneltern gefunden, sondern diese sogar persönlich kennen gelernt.
Ein bischen Liebe und Fürsorge bekommen diese Kinder von ihren Paten. Renate, Birgit und Dieter gehören dazu, ebenso Dora,
die die Patenschaften vermittelt. Als Mitglied des Vorstandes nennt sie sich selbst die „Patentante“ des Vereins. Sie ist gebürtige Bulgarin und lebt seit vielen Jahren in Berlin. Im Verein kümmert sie sich nicht nur um das Patenschaftsprogramm, sie gibt den
Kindern mit ihrem gefühlsbetonten Wesen ein wenig Geborgenheit. Kontakt: www.bulgarische-kinderheime.de oder Telefon: 030-204 504 74
Kiril über die bulgarische Gesellschaft
Kiril begleitete uns ins Rosental und über das Balkan-Gebirge. Er zeigte uns die unsäglichen Kulturschätze aus Klöstern und Königsgräbern. Schon bei unserer ersten Begegnung vor Anastas’ Haus war mir Kiril sympathisch. Am letzten Abend verrät er mir mit etwas Wehmut, dass er seine Tochter Maria zur Bescheidenheit erzogen habe, was sich nicht so günstig auf eine potenzielle Schriftsteller-Karriere auswirke. Kiril ist ein freundlicher Mensch, wissend, vor allem aber diplomatisch. Trotzdem besitzt er die seltene Gabe, auch ohne Worte deutlich zu werden. Feuer sprüht aus seinen grünen Augen, wenn er über die Probleme der Roma redet oder sich um Armutsrenten und um die organisierte Kriminalität im Lande sorgt. Bulgarien ist in einem Zustand, wo die Mehrheit traditionell den Institutionen misstraut und die Justiz für korrupt hält. Erheblich mangelt es im Gesundheitswesen und im Bildungssystem. „Korruption zieht sich hoch bis in die Staatsspitze, ohne dass es bisher zu einem nationalen Musterprozess gekommen ist. Sie gehört zum Kulturerbe der 500 Jahre währenden osmanischen Herrschaft, das im kommunistischen System der Planzuteilung verfeinert wurde.“, schreibt die Zeit vom 11. Mai 2006.
In diesem Kontext bekommt das Erreichte der Fördervereine, die sich um „Maria Luisa“ kümmern, eine neue Bedeutung. Die Leistung der einzelnen Menschen, die für die Kinder in Plovdiv ihre Freizeit opfern, verdient allergrößten Respekt.
BEGEGNUNGEN
Dieter Mathies, Berlin: Dieter verkörpert goldene Hände und eine gute Seele. Längst hat er seinen Handwerksbetrieb dem Sohn
übertragen und sich zur Ruhe gesetzt. Doch ein Artikel in der Berliner Morgenpost ließ das Ehepaar Mathies nicht mehr los. Beide konnten nicht glauben,was sie da lasen: In dem Bewusstsein, die eigenen Kinder zu sehr verwöhnt zu haben, ernähren sich
Kinder 1700 Kilometer weiter südlich aus der Mülltonne. Sofort nahmen sie zwei Paten unter ihre Fittiche. Als Dieter das Kinderheim im Jahr 2002 das erste Mal besuchte, reparierte er Duschen und dichtete Balkone ab. Drei Jahre später brach er erneut auf, um
dem maroden Speisesaal einen Funken Schönheit abzugewinnen.Diese Begegnung war die dritte Plovdiv-Reise von Dieter Mathies und gewiss nicht die letzte.„Die Freude in den Augen der Kinder kann man nicht mit Geld kaufen.“, sagt er mit Tränen in den Augen.
Birgit Ossenkamp, Düsseldorf: Als Birgit vor vier Jahren von diesem Heim hörte, sammelte sie in ihrer Abteilung spontan Geld. Dass daraus mehr werden würde, ahnte sie damals noch nicht. Dieser Entschluss reifte, nachdem sie sich im Internet ein Bild von der Vereinsarbeit gemacht hatte. Nun übernahm sie die Patenschaft für den mittlerweile 10jährigen Boshidar Andreev. Als nächstes überzeugte sie ihren Arbeitgeber und bekam auch von ihm Geld. Birgit ist wie die meisten Förderer nicht zum ersten Mal in Plovdiv. Vor einem Jahr verbrachte sie den Urlaub mit ihrem Mann in Bulgarien. Dabei lernte sie Boshidar endlich persönlich kennen – ein Ereignis, das auch den letzten Funken überspringen ließ. Das Ehepaar Ossenkamp hatte nun den Wunsch, Boshidar und den
anderen Heimkindern langfristig zu helfen. So organisierte Birgit eine Palette mitWaschmitteln, Kosmetika und Haushaltsreinigern. „Ich werde nicht müde, für dieses Projekt zu werben und etwas von dem wunderschönen Gefühl zu vermitteln, dass wir die Welt für ein paar Plovdiver Kinder lebenswerter und fröhlicher gemacht haben.“, sagt Birgit voller Begeisterung. Stolz ist sie darauf, dass sie über einen Bericht in einer firmeninternen Zeitschrift auch Kollegen aus anderen Abteilungen zum Mitmachen bewegen konnte.
Herbert Thur, Berlin: Kein Zweifel besteht an derAufrichtigkeit seiner Worte:„Ich fühle mich den Armen indieser Welt verbunden und versuche, ihr Elend zu mildern.“Nächstenliebe verkümmertdabei nicht zumLippenbekenntnis, diese Tugend ist für Herbert Thureine Weltanschauung. Er hilft dem Kinderkrankenhausin Havanna und einer vom Tsunami betroffenenFamilie in Sri Lanka beim Bau eines Hauses. Zu den bulgarischenWaisen fand er durch seine Tochter, die alsJournalistin auf den Verein aufmerksam wurde. Für diesenakquirierte Herbert Thur deutsche Unternehmen,um sie für Sachspenden zu gewinnen. Auf diese Weiseorganisierte er für den Bau des zweiten WohngebäudesStahl, Armaturen, Farben, Sport- und Spielgeräte,Kunstrasen, Beton und Ytong-Steine - bis ihn eineKrankheit zwang, kürzer zu treten. Als Mitglied ist erdem Verein erhalten geblieben und hilft wo er kann. „Esist eine der schönsten Freuden, wenn man dankbareKinder erleben kann. Diese Freude sollte sich jeder mitkleinen Hilfen verschaffen.“, so Herbert Thur.
Kirsten Grunewald, Düsseldorf: Pamporovo im Winter 2000: Es war ein besonders schöner Skiurlaub, und die Bulgaren
überraschten mit herzlichster Gastfreundschaft.Wieder zu Hause, fiel Kirsten Grunewald ein Bericht über die vergessenen
Kinder von Plovdiv in die Hände. Denen wollte sie helfen. So sammelte Kirsten Spenden, Kleidung und Spielsachen, um im folgenden Frühjahr mit acht großen Koffern erneut nach Bulgarien aufzubrechen. „Diese Reise ging mir weit mehr ans Herz, als ich erwartet hatte.“, sagt sie später. Deshalb wandte sich Kirsten an ihren Brötchengeber, die Firma Henkel; hier arbeitet sie seit zehn Jahren. Sie stellte das Projekt der eigens für soziales Engagement gegründeten MIT-Abteilung (= Miteinander im Team) vor. So stiftete Henkel dem Verein eine Palette Waschmittel, später sogar 4.000 DM. Den Verein schätzt sie aufgrund seiner Transparenz und Offenheit. Jeder könne sich aktiv einbringen und die Entwicklung immerfort verfolgen. So hat Kirsten das gute Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun und nicht nur darüber zu reden.
Renate Quaschinsky, Berlin: Gesellschaftlich engagierte sich Renate schon früher - als Mitglied des Elternbeirates, später für die
SOS-Kinderdörfer. Als sie von einem maroden Kinderheim auf dem Balkan hörte, entschied sich das Ehepaar Quaschinsky für eine anonyme Patenschaft. Im letzten Jahr reiste Renate zu einem Arbeitseinsatz nach Plovdiv. Dort schaute sie in Mira’s traurige Augen. Sie gingen aufeinander zu, umarmten sich; als sich Renate wieder ihrer Arbeit widmen wollte, weinte Mira. Von den Spenden, die ihr Freunde mitgaben, kaufte Renate Gardinen und Tischdecken für den renovierten Speisesaal. Gemeinsam mit anderen Helfern
kochte sie für 120 Kinder ein deutsches Festessen. Mira ist mittlerweile volljährig und muss das Heim bald verlassen. In einem Übergangsheim darf sie bleiben, bis sie ihr Abitur zu Ende gebracht hat.Wie es weiter geht, ist ungewiss. „Es sind immer die Kleinen, bei denen den Menschen das Herz aufgeht. Das Heim ist für sie ein behüteter Raum.“, berichtet Renate. Als Vereinsmitglied will sie sich deshalb dafür engagieren, Teenager wie Mira auf ihr künftiges Leben außerhalb der schützenden Mauern des Heimes besser vorzubereiten.
Vera Boge, Straußberg: Vera ist Prokuristin der gemeinnützigen Beschäftigungsgesellschaft steremat. Dort, auf einem der
Kinderbauernhöfe half Karl Friedrich bei der Weihnachtsbäckerei, als er ihr von den bulgarischen Waisen erzählte. Wenig später schickte sie Büromöbel, drei Rutschen und fünf Schaukeln auf die Reise nach Plovdiv. Aber den engagierten Damen von steremat ging es um mehr: Sie hatten den Anspruch, pädagogische Schützenhilfe zu leisten. So nutzten sie ihre Kontakte zu heimischen Kinderheimen, erstellten einen Bildungsplan und suchten Partner für den Erfahrungsaustausch. m Februar 2006 waren Darina Kukewa, die Heimleiterin, und eine Erzieherin zehn Tage lang Gäste bei steremat. Sie besuchten die Jugendtherapie-Einrichtung in
Buch, den Verein Chance e.V. in Grünheide und das Kinderheim „Elisabeth“ in Eggersdorf. Schnell merkten die bulgarischen
Gäste, dass es finanzielle Sorgen auch in Deutschland gibt. Mit Staunen spürten sie das Herzblut und Improvisationstalent
der Sozialarbeiter hier, mit dem diese das Leben der Kinder auch ohne viel Geld reicher machen.„Wenn es uns gelingt, die Finanzen zu organisieren, holen wir künftig bulgarische Heimkinder in den Ferien in unser Indianercamp.“, sagt die blonde Dame.
Die Autorin Sylke Schröder ist Prokuristin der EthikBank
© Die Ethikbank 03/06 18.03.2006






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