
Pressemitteilunge und -berichte
Heimkinder kochen für ihre Zukunft
Erste Berufsausbildungsküche im bulgarischen Bratsigovo eröffnet
Von Elmar Bordfeld
Vor zwei Jahren hat unsere Zeitung über die erbärmlichen Zustände in bulgarischen Kinderheimen berichtet. Unsere Leser haben mitgeholfen, den Kindern und Jugendlichen eine Zukunft zu ermöglichen. Mit ihren Spenden wurde eine Berufsausbildungsküche eingerichtet. Wir waren bei der Eröffnung dabei.
BRATSIGOVO. Ivan genannt Naszko trocknet sich die Hände an seiner neuen Schürze ab. Stolz trägt er die weiße Kochmütze. Gerade hat er geholfen, den Teig für die berühmte Banitsa, ein bulgarisches Nationalgebäck für Feiertage, anzurühren. Morgen ist Eröffnung der neuen Superküche aus Deutschland. Sechs Köchinnen und eine Gruppe von Auszubildenden helfen bei der Vorbereitung des Buffets. „Als kleiner Junge habe ich einmal geträumt, ich wäre Koch und würde pausenlos leckere Speisen zubereiten,“ sagt der 14-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung.
„Jetzt hat sich der Traum erfüllt.“ Der hübsche Junge mit dem schwarzen Haar spielt gern Fußball und derzeit auch
den „kleinen Prinzen“ im Schultheater der Mittelschule von Bratsigovo. Wenn er zu entscheiden hätte zwischen Koch, Fußballer oder Schauspieler, was er denn werden wollen würde? Wie aus der Pistole geschossen kommt die Antwort: „Natürlich Gotvac (= Koch), und wenn ich einmal verheiratet bin, dann koche ich auch zu Hause.“
Wir sind an einem sonnigen Herbsttag im bulgarischen Bratsigovo, einem idyllisch am Fuße des Rhodopengebirges liegenden Kurort mit einer bekannten Mineralquelle. Ivan lebt mit 58 anderen Kindern im Waisenhaus „Vasil Petleschkov“, einem von 144 Heimen für sozial vernachlässigte oder von ihren Familien – zum Teil Roma – abgeschobene Kinder oder Jugendliche. Ivan stammt aus einem ärmlichen Dorf bei Pazardzhik nahe Plovdiv unten in der Ebene. Sein Vater ist unbekannt. Seit dem Tod seiner Mutter vor acht Jahren lebt er hier. An schönen und an traurigen Tagen, wo er sich nach einer Familie sehnt. Er liebt seine „Ersatzmutter“, die tüchtige Heimleiterin Nina Naidenova, und sie ihn. „Ivan wäre zu Hause fast verhungert“, sagt sie. „Bei ihm und bei anderen ist es uns gelungen, Begabungen zu fördern und ihr Selbstbewusstsein zu wecken. Durch die Einrichtung der neuen Berufsausbildungsküche bekommen er und 18 andere Kinder gute neue Chancen.“
Genau das ist das Problem der vielen Heimkinder in Bulgarien. Mit 18 Jahren müssen sie laut Gesetz das Heim verlassen, meist ohne jede Berufsausbildung. Ihr Weg führt in die Leere, oft in die Kriminellen- oder Prostituiertenszene. Für den Berliner Journalisten Mirko Schwanitz liegt die Lösung auf der Hand: Berufsausbildung in den Heimen, soweit möglich in Zusammenarbeit mit den kommunalen Schulen, die von einem dualen Bildungssystem nach deutschem Muster noch weit entfernt sind. Seit zwölf Jahren kümmert er sich um dieses Problem. „Zukunft für Euch“ heißt das Projekt, das er mit seinem „Verein zur Förderung bulgarischer Kinderheime e.V.“ und mit Hilfe deutscher Spendengelder verwirklichen konnte: eine blitzsaubere, in Edelstahl glänzende Küche deutscher Herstellung im Wert von 185 000 Euro, davon 60 000 Euro gespendet von HELFT UNS LEBEN, der Leserinitiative unserer Zeitung.
Vor rund zwei Jahren hatte unsere Zeitung die erschreckenden Zustände in bulgarischen Heimen geschildert und unsere Leser zu Spenden aufgerufen. Das Resultat kann sich sehen lassen. Zum ersten Mal in Bulgarien können Jugendliche in ihrem Heim zum Koch oder zum Gastronomieexperten ausgebildet werden. Heimleiterin Nina Naidenova sagt: „Ein Traum ist in Erfüllung gegangen. Wir freuen uns, dass wir auf Menschen mit so großem Herz und auf so viele helfende Hände gestoßen sind.“
Auch Svetlana (15) gehört zu den ersten 18 Jugendlichen, die hier ausgebildet werden. Auch Kinder aus anderen Heimen Bulgariens sind willkommen. Ihre Eltern leben in einer Lehmhütte neben der Mülldeponie und sind nicht in der Lage, ihre Kinder großzuziehen. So lebt Svetlana hier mit ihren beiden Geschwistern. „Früher durfte ich in der alten vergammelten Küche auch mal Kartoffeln schälen. Jetzt macht es großen Spaß, Zwiebeln zu schneiden – auch wenn einmal Tränen kommen –, Suppen und Soßen zu kochen und Teig anzurühren.“ In einem widerspricht sie Ivan allerdings: „Also wenn ich mal eine Familie habe, koche ich zu Hause. Männer sollen arbeiten gehen.“ Auch sie kann sich vorstellen, nach der zweijährigen Ausbildung einmal in einem großen Hotel zu arbeiten.
Der Bau der deutschen Küche im Heim ist seit Tagen Stadtgespräch in Bratsigovo. Erst am nächsten Tag ist offizielle Einweihung. Da kommen Bürgermeister und Honoratioren. Da werden Ansprachen gehalten. Da vollziehen orthodoxe Popen den Weiheritus. Für unsere Leser dürfen wir schon heute einen Blick in das neue Reich der künftigen Köche werfen. Eine Berliner Küchenfirma konnte das Projekt in gut einem halben Jahr abschließen. Die Kapazität ist auf 350 Essen pro Tag ausgelegt. Geplant ist, auch andere Sozialeinrichtungen der Gemeinde von dort aus mit Essen auf Rädern zu versorgen. Zentrale Elemente sind zwei hochmoderne Kombidämpfer und eine ebenso moderne wie hygienisch getestete Spülmaschine, die Hunderte von Tellern in drei Minuten reinigt. Mitarbeiter haben das Personal mit den neuen Geräten vertraut gemacht. Den Köchinnen ist anzusehen, dass es großen Spaß macht, hier zu arbeiten. Seit einigen Tagen hat Hans Berger, langjähriger Präsident der Internationalen Vereinigung der Küchen- und Serviermeister, den Aufbau und die Fertigstellung beobachtet. Der aus Köln stammende Berger wurde vom SES (Senior-Expert-Service) nach Bratsigovo beordert. Sein Urteil ist eindeutig: „Die Küchenanlage ist von ihrer Funktionalität und zum Zwecke der Ausbildung junger Menschen optimal ausgerichtet.“
Ein wenig Sorge macht Mirko Schwanitz noch die weitere Begleitung des Projekts. Er möchte sicherstellen, dass die Ausgebildeten später auch in angemessene und ordentlich bezahlte Berufe kommen. Mit der bulgarischen Nava („National Alliance for Volunteer Action“) hat er vereinbart, dass sich unter dem Titel des Projekts „Zukunft für Euch“ eine Selbsthilfegruppe bildet, die den Kindern auf ihrem weiteren beruflichen Weg zur Seite steht. „Dann würde ich mir natürlich auch wünschen“, sagt Schwanitz, „dass Hoteliers aus den bulgarischen Touristenhochburgen von Pamporovo bis zum Schwarzen Meer kommen, sehen und sich ihre zukünftigen Kandidaten für Küche und Gastronomie vorab aussuchen.“ Etwas Wichtiges hat er schon jetzt erreicht: Inzwischen interessiert sich sowohl
das bulgarische Bildungsministerium wie auch der Europäische der Europäische Sozialfonds für das Modellprojekt.
Quelle: Rheinzeitung 19.11.2009
© Rheinzeitung 19.11.2009






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