Pressemitteilunge und -berichte
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Reportage Bulgarien - Ein Haus der Hoffnung am Fuß der Rhodopen

Plovdivs Waisenkinder bekamen ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk: Sie haben ein schönes Zuhause – auch dank der Spenden von ND-Lesern.

Von Jutta Schwengsbier

Im Traum zieht Maria immer noch los. Früh am Morgen verlässt sie die Siedlung an der Einfallstraße von Plovdiv, der Stadt am Fuße der Rhodopen. Ofenrohre ragen aus blinden Fenstern und schmauchen beißenden Qualm brennender Autoreifen aus. In der Dämmerung stolpert sie über gefrorenen Schlamm auf dem Weg zu den Müllcontainern, wo sie sich das Frühstück gegen Rudel wilder Hunde erkämpft.
Dann wacht das Mädchen zitternd auf, froh, das leise Schnarchen von Milena zu hören, die unter ihr im Doppelstock-Bett schläft. Für Maria war schon vor einigen Tagen Weihnachten: Gemeinsam mit anderen Waisenkindern hat sie neues Zuhause bekommen. Errichtet unter anderem mit Spenden von ND-Lesern (ND berichtete in seiner Ausgabe vom 16./17.Juni 2001). Auch dank dieser Hilfe konnte der »Verein Zur Förderung Bulgarischer Kinderheime« e.V. das erste neue Wohngebäude für Bulgariens modernsten Waisenhauskomplex früher übergeben als geplant. Dazu kam die Unterstützung durch Firmen. KBE, einer der größten Hersteller von Kunststoffprofilen in Europa, spendete die Fenster, Caparol die Farben.

Richtige Duschen mit warmem Wasser

Entstanden ist eins von drei Wohngebäuden. Jedes teilt sich auf in vier Maisonette-Wohnungen für je zwölf Kinder. Stolz zeigt uns Maria, wie sie nun wohnt. »Das hier sind unsere Kinderzimmer. Schaut, wie schön die Farben sind«, sagt sie. Hell und freundlich sind die Räume eingerichtet, praktisch und schlicht. Für Mädchen wie Jungen gibt es erstmals moderne Bäder. »Endlich richtige Duschen mit warmen Wasser«, meint Maria. Dann trippelt sie ins Untergeschoss. Hier gibt es ein großes Wohnzimmer mit einem Esstisch für zwölf Personen, eine Sofaecke, Platz zum Spielen, eine kleine Teeküche und Sanitäreinrichtungen.

»Als wir 1997 das erste Mal ins Waisenhaus ›Königin Maria Luisa‹ kamen, herrschten hier unbeschreibliche Zustände«, erinnert sich Vereinsvorsitzender Mirko Schwanitz. »Der Fußboden war morsch. Unter dem Fußbodenbelag nistete Schimmel, das Dach war vom Einsturz bedroht. Es gab keine einzige funktionierende Wasserarmatur, kein Spielzeug, kaum Seife. Elektrokabel hingen lose herum. Die Fenster waren vergittert wie in einem Gefängnis, die Betten in den düsteren Schlafsälen zerschlissen, die Möbel Sperrmüll. In dieser Atmosphäre lebten Kinder, die durch den Verlust der Eltern, durch Misshandlungen oder ihre Erlebnisse als Straßenkinder traumatisiert waren, ohne jegliche psychologische Betreuung.«

Die Kinder können aus ihren Fenstern hinüber sehen zu jenen Gebäuden, in denen noch immer die gleichen Zustände herrschen. »Eigentlich müssten wir jetzt schnell mit dem Aufbau des nächsten Hauses beginnen«, erklärt der Vereinsvorsitzende. »Da es inzwischen lebensgefährlich ist, in den anderen Gebäuden zu wohnen, haben wir unter dem Dach des neuen Hauses Notschlafsäle eingerichtet. Für die Kinder heißt dies: Bis genügend Spenden für den Weiterbau vorhanden sind, müssen alle 120 Waisen in den Räumen leben, die für 48 konzipiert sind. Immerhin haben sie nun wesentlich bessere sanitäre Bedingungen.« Fürs nächste Haus will der Verein erneut 300000 Mark sammeln, denn für die Rekonstruktion von Waisenhäusern gibt es keinerlei Fördermittel, auch nicht von der EU. Die zur Weihnachtszeit obligatorischen Spendenaktionen von Zeitungen oder TV-Sendern blenden Bulgarien seit Jahren aus.
Eine stille Katastrophe, spielt sich in Bulgariens Waisenhäusern ab. Eine Katastrophe, die auch von der UNICEF nicht wirklich wahrgenommen wird. Die scheint seit Beginn der 90er Jahre vor allem auf rumänische Kinderheime fixiert zu sein. Anders als ihre rumänischen Leidensgefährten haben Bulgariens Waisenkinder keine Lobby im Ausland. Und das, obwohl die Weltbank erst jüngst in einem ihrer Berichte fest stellte, dass Bulgarien eines der Länder Europas mit dem höchsten Anteil an Heimkindern ist. 2,15Prozent der Kinder leben in staatlichen Einrichtungen. Insgesamt mehr als 35000. Akut ist der Mangel an gut ausgebildetem und erfahrenem Personal. Eine der Folgen: Die Jugendlichen werden, wenn sie volljährig sind, mit seelischen Narben aus den Einrichtungen entlassen, zumeist unfähig, ein Leben unabhängig von staatlicher Fürsorge zu führen.

Aus dem Staatshaushalt gibt es kaum Geld für die 123 Waisenheime des Landes. 1,49 Euro wären nötig, um ein Kind ausreichend mit Nahrung zu versorgen, schrieb die Zeitung »24 Tschassa«. Doch die Heime erhielten nur 0,24 bis 0,48 Euro. »Unser Geld«, so Darina Kukeva, die Direktorin von »Königin Maria Luisa«, »reicht für täglich ein Brot pro Kind. Deshalb müssen die Erzieher Nahrungsmittelspenden besorgen.« Was Darina Kukeva nicht sagt – manchmal warten die Erzieher selbst monatelang auf ihre Gehälter, und das bei nur 200 Mark im Monat.

»Wir können den deutschen Spendern nur danken, dass sie dieses Projekt unterstützen, weil es uns hilft, die Reform unserer Kinderfürsorge voranzutreiben«, sagt Bulgariens Bildungsminister Wladimir Atanassov: »Es ist das derzeit beste und nachhaltigste Hilfsprojekt auf dem Gebiet der Waisenhäuser in unserem Land und wird, wenn es erfolgreich ist, die Situation in vielen Heimen verbessern.« Das Pilotprojekt »Königin Maria Luisa« gehört auch deshalb zu den Gewinnern des diesjährigen bundesweiten »startsocial«-Wettbewerbs, an dem sich über 2000 Freiwilligen-Initiativen beteiligten. Wie erklärt sich dieser Erfolg? Mirko Schwanitz erklärt es so: »Das Problem ist, dass Spendentransporte immer nur eine zeitlich befristete Hilfe bieten können. Vergleichbar mit einer Salbe, die Schmerzen nur solange lindert, solange man sie auf die Wunden aufträgt. Ist sie alle, leidet Patient wie zuvor. Unser Projekt aber versucht, an die Ursachen heranzugehen und nicht nur die Symptome zu kurieren. Es schafft nicht nur ein komplett neues kindgerechtes Zuhause für 120 traumatisierte Waisen, sondern bietet auch Ausbildung, Qualifizierung und Therapie.«

Nicht nur Salbe, die die Schmerzen lindert

Zu den Wohngebäuden, so sieht es das Projekt vor, sollen ein Ausbildungs- und Therapiezentrum kommen, wo Erzieher aus dem ganzen Land qualifiziert und traumatisierte Kinder von Psychologen therapiert werden. Schon jetzt gibt es Praktikumsplätze für Pädagogik- und Psychologiestudenten, die eine neue Generation von Heimpädagogen stellen werden. Integriert sind Berufsausbildungsprojekte, in denen der Beruf eines Friseurs, eines Kochs oder Automechanikers erlernt werden kann. »Die Idee ist, dass diese Berufsausbildungsprojekte auf lange Sicht Gewinne erwirtschaften, von denen Teile wiederum das Heimbudget aufstocken.« So bietet das Projekt viele kleine Lösungen, die in ähnlicher Form in anderen Heimen umgesetzt werden können.

»Dieser Initiative wären vor allem langfristige Förderer aus der Wirtschaft zu wünschen«, meint Axel Flasbarth von McKinsey. Die renommierte Unternehmensberatung half dem Verein im Rahmen des »startsocial«-Wettbewerbs bei der Optimierung des Projektkonzeptes. Dass der Verein es bisher ohne jede öffentliche Förderung überhaupt schaffen konnte, die fast 300000 Mark fürs erste Gebäude aufzubringen, ist sicher auch seiner Transparenz zu verdanken. Er ist deutschlandweit die einzige humanitäre Hilfsorganisation, bei der sich jeder Spender auf einer Internet-Seite (www.bulgarische-kinderheime.de) über den Eingang seiner Spende und ihre genaue Verwendung informieren kann. Auch die Verwaltungskosten überraschen. Die gehen gegen Null – bisher hat der Vorstand diese Kosten selbst getragen.

Für alle, die helfen möchten:
Verein Zur Förderung Bulgarischer Kinderheime e.V.
Am Goldmannpark 47
12587 Berlin
Tel.: (03361) 31 0591

Spendenkonto:
Berliner Bank
BLZ: 100 200 00
KoNr. 42 23 900 100

© Neues Deutschland 15.12.2001