Pressemitteilunge und -berichte
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Die armen Kinder aus dem Waisenhaus der Königin

Zwei kleine Vereine in Berlin und Plovdiv kämpfen für menschenwürdige
Zustände in bulgarischen Kinderheimen


Von Christian Bahr

Auf der Fahrt nach Sofia hat Elena Zdravscheva am Rande der Autobahn ihren ersten Storch in diesem Jahr gesehen. Kaum in der bulgarischen Hauptstadt angekommen, entfernt sie ein rot-weißes Bändchen von ihrem linken Handgelenk und hängt es an einen Busch. Sie zelebriert einen Brauch, der Glück und
Gesundheit verspricht. Anfang März schenken sich gute Freunde diese zweifarbigen Wollbänder, um sie nach alter Sitte in Sträucher zu befestigen, sobald man den ersten Storch gesichtet hat. Der Glaube an die Wirkung ist Elena Zdravschevas letzte Hoffnung, bevor sie das Erziehungsministerium
betritt.

Ungewissheit plagt die Leiterin eines Waisenhauses. Ungewissheit über die Zukunft von 110 Kindern und Jugend-lichen, die unter erbärmlichen
Umständen in der zweitgrößten Stadt Bulgariens, Plovdiv mit 350000 Einwohnern, leben. Waisen, Halbwaisen, verstos-sene und verletzte Schützlinge,

50 Pfennig für eine Tagesration Essen

denen der Staat jeweils nur 15 Lewa im Monat zur Ernährung gibt. Umgerechnet 15 Mark. Magere 50 Pfennig für eine Tagesration, obwohl mindes-tens 2,30 Mark für eine aus-gewogene Ernährung nach bulgarischen Standard nötig sind. 50 Pfennig kostet in Bulgarien ein Brot.

Die 15-jährige Jordanka ist eines der
Heimkinder. "Ohne die Schule ist doch alles schöller", schreibt sie in deutsch auf einen Block. "Schöner!" korrigiert sie der Besucher aus Deutschland. Dann notiert sie darunter: "Ich habe Hunger. Und Du?" Ihr
Mittagessen hat sie gerade erst hinter sich. Zwei kleine Frika-dellen, eine saure Gurke in Scheiben geschnitten und Tomatenpüree als Beilage, davor gab es eine dünne Linsensuppe. In Deutschland höchstens ein Imbiss für den
"kleinen Hunger" zwischen-durch, im Heim "Königin Maria Luisa" bereits ein Festmahl. Für Obst reicht das Geld nicht. In Notzeiten mussten die Heran- wachsenden wochenlang Kartoffelbrei essen.

Jordanka holt ihr Schulheft und zeigt stolz, was sie in Englisch gelernt hat. Eine kleine Unterrichtsstunde entwickelt sich auf dem trostlosen Hof des Heimes. Evilina, Christina, Desislava und Milena gesellen sich dazu. Nach der Englisch-lektüre steht ein Sprachkursus in Bulgarisch auf dem Lehrplan: "Mlad", erklärt die 19-jährige Desislava, heißt auf deutsch "jung". Am Schluss der dreisprachigen Unterhal-tung schenkt Jordanka ein ver-wackeltes Foto, auf dem sie nur unscharf zu erkennen ist. Einzige Erinnerung an einen
seltenen Besuch bei ihrer alleinstehenden Mutter in Sofia. Erinnerung an unbeschwerte Stunden. Ein unerwartet großherziges Dankeschön für eine kurze Englisch-Lektion.

Ein Geschenk wird "Danka" später vor Freude aufspringen und jubeln lassen. Vor Freude über eine normale Jugendzeitschrift, über Fotos von Britney Spears, Ricky Martins und den Backstreet-Boys. Poster, die die sonst kargen Wände im Heim schmücken können. Die Mädchen und Jungs kennen die Stars und ihre Songs, wissen, was angesagt ist - so wie andere Teenager auch in Plovdiv, Sofia oder Berlin. Einen Kassettenrekorder aber haben sie nicht. Musik liefert nur ein Fernseher. Die üblichen Jugendträume können sie sich nicht erfüllen, nicht mit ihren fünf Mark Taschengeld im Monat. Andere Dinge sind viel nötiger. Etwa Kleidung. Denn Geld für Kleidung zahlt der Staat nicht.

Mangel beherrscht das Heim. Die paar Spielsachen sind rare Luxusartikel. Eine Wunschliste der Kinder zeigt den Alltag der Armut: Plüsch-tiere wünschen sich die Kleinen, Bälle und Federball-Spiele die Großen, und eine Nähmaschine, um die wenigen eigenen Klamotten auszu-bessern. Der Besitz von drei Kindern passt in einen schmalen Schrank. Vor fast
hundert Jahren wurde das Waisenhaus als Pferdestall erbaut. 1925 gründete die bulgarische Königin Maria Luisa in dem einstöckigen Gehöft ein Heim für Kinder, die während der Balkankriege zu Waisen geworden waren. Vor vierzig Jahren fand die letzte Renovierung des abbruchreifen Gemäuers statt.

Das Heim steht auf lukrativem Grund

Stromleitungen liegen frei, Fensterscheiben fehlen, Wände schimmeln, drei Toiletten für über 50 Kinder erinnern an mittelalterliche Latrinen. Die zwei Waschräume sind viel zu klein und marode. Seit einem Jahr ist fast ein Drittel des Heimes gesperrt, weil in dem betreffenden Trakt die Kellerdecke einbrach. Einsturzgefahr besteht seitdem. Im Dachstuhl hat es zudem in einer Ecke gebrannt, das Gebälk ist noch immer verkohlt. Durch die Schließung des baufälligen Traktes hat sich die Situation für die Heimkinder nochmals verschlechtert, die Schlaf- und Wohnräume sind nun doppelt belegt. 15 Spröss-linge teilen sich einen Raum, der halb so groß ist wie ein Klassenzimmer. Die Betten in Viererreihen.

"Die Kinder sind untergebracht wie Tiere", klagt Dona Koleva wütend. 1998 gründete die Unternehmerin aus Plovdiv den "Verein zur Förderung von Kinderheimen", um die Not in ihrer Stadt zu lindern. Das gleiche tat ihr Bekannter Mirko Schwanitz in Deutschland. Als der Berliner Journalist das Elend in Plovdiv sah, entschloss er sich zur Hilfe. Mit Freunden gründete der Vater von drei Kindern den "Verein zur Förderung Bulgarischer Kinderheime e.V.", um in Deutschland Spenden zu sammeln. Mit dem Geld soll der katastrophale Zustand im Heim Königin Maria Luisa behoben werden. Die Sanierung und der Umbau des Hauses ist das Ziel.

Deshalb haben sich Frau Koleva und Schwanitz gemeinsam mit der Heimleiterin Zdravscheva auf den Weg ins 150 Kilometer entfernte Sofia gemacht. Von der Regierung erwartet man endlich eine feste Zusage, dass das Waisenhaus nicht Opfer eines lukrativen Grundstücksdeals wird. Denn das staatliche Heim am Rande der Altstadt steht in gefährlicher Nähe zur Messe. Gerüchte über einen Verkauf des Areals machen in Plovdiv die Runde, die örtliche Presse schrieb sogar schon von einer geplan-ten Schließung des Heimes. Die Stadtverwaltung will eine Vertreibung der Kinder nicht zulassen. Doch schon einmal mussten die Heimkinder spüren, dass sie im Land der
hemmungslosen Geld-schacherei keine Rolle spielen. Ihre Spielwiese wurde kurzer- hand zu Privatbesitz, einge-zäunt, und vergammelt seitdem - ungenutzt. "In Bulgarien kann man sich auf nichts verlassen", bleibt Dona Koleva skeptisch. Deshalb soll nun der Erziehungsminister festge-nagelt werden.

Eine Schließung des Waisenhauses würde neue Wunden aufreißen. Weitaus schlimmer als die Bausubstanz sind nämlich die tragischen Schicksale und Seelenqualen, die die fünf- bis 19-jährigen durchlitten haben. "That's my home", sagt Milena und zeigt auf die desolaten Mauern ringsherum. Das sei ihr Zuhause. Ihre Eltern kennt sie nicht: Nur dass ihr Vater aus Schwarzafrika stammt, verrät ihr Äußeres. Nach der Geburt ließ die Mutter sie einfach in der
Klinik liegen. Wegen ihrer dunklen Hautfarbe wird Milena außerhalb der Heimmauern diskriminiert, drinnen aber leben ihre Freunde. Hier fühlt sie sich sicher. Trotz ihrer Nöte lächelt die 15-jährige auf wundersame Weise, sobald man mit ihr redet.

Der 13-jährige Pettar leidet unter einem schweren psychologischen Schock. "Mein Stiefvater hat Mama geschla-gen. Immer und immer wieder, er hörte gar nicht mehr auf. Überall war Blut", erzählt er
seine persönliche Tragödie. "Meine Schwester und ich haben geschrieen." Doch die Nachbarn kamen zu spät. "Mama lag in meinen Armen, und auf einmal war sie tot..."

Ernst ist der Blick von Dafina, mit ihren 16 Jahren wirkt sie erwachsen und freudlos. Fünf Geschwister musste sie in ihrer Kindheit versorgen. "Meine Mutter war Prostituierte. Sie kam nur, wenn sie ein Baby bekam, gab es mir und verschwand." Mit ihrer kranken Großmutter teilten sich Dafina und ihre Geschwister - darunter der siebenjährige Emo - ein Zimmer. Die sechs Kinder schliefen gemeinsam in einem Bett.

„Berlin ist beautiful“ - ein Dank an Deutschland

"Wir wollen das Haus retten und umbauen, dafür benötigen wir bis zu 1,5 Millionen Mark. Doch ohne eine staatliche Garantie, dass das Heim unbefristet bestehen bleibt, gibt uns kein Investor sein Geld", erzählt Schwanitz. Neben der Bausanierung
wollen die Vereine drei Aus-bildungsprojekte im Heim initiieren: Ein Frisörsalon, eine Bäckerei und eine Autowerk-statt sollen den Teenagern einen Berufsstart ermöglichen und nebenbei Geld für das Waisenhaus erwirtschaften.
"Unsere Vereine haben 1000 Ideen, können aber nicht handeln", meint Dona Koleva ungeduldig. Immerhin: Der Besuch der Heimleiterin und der zwei Vereinsvorsitzenden im Ministerium hat Erfolg. Der Bestand des Waisenhauses
wird zugesichert, die nötigen Verträge sollen so schnell wie möglich unterschrieben werden. Wenn alle Genehmi-gungen vorliegen, die notwen-digen Spenden fließen, könnte der Verfallene Heimtrakt bereits in diesem Sommer aufgebaut werden, sagt Schwanitz nach dem Gespräch mit dem Vize-Minister.

Auch haben kleine bulgarische Firmen ihre Hilfe angeboten, Baufirmen etwa
stellen Material zur Verfügung. Nebenbei wollen die Vereine Patenschaften für die Kinder und Jugendlichen mit Familien organisieren, damit ihnen Aus- flüge ermöglicht oder Geburtstagsgeschenke gekauft werden.

Von all dem zähen Ringen um die Zukunft des Waisenhauses ahnen die kleinen Bewohner nichts. Allein ein Besuch aus Deutschland sorgt für einen Tag Freude.
"Berlin is beautiful", meint Pettar. Er hat die Stadt nie gesehen, aber er sagt es nicht ohne Grund. Ohne die Hilfe aus Berlin hätte er im Winter noch
mehr hungern müssen. Durch die vergitterten Fenster des dunklen Ess-Saales fällt ein wenig Sonnenlicht. Im hellen Strahl leuchtet etwas kurz rot-weiß auf. Es ist ein Wollband, das jemand an den Fenstergriff gebunden hat.

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© Berliner Morgenpost 03.04.2000