Pressemitteilunge und -berichte
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Hoffnung für Heimkinder

Von Nina Hermann

Hinter der bröckelnden Fassade war einmal ihr Schlafsaal: Die Heimkinder von Plovdiv vor dem Abschnitt des Waisenhauses „Königin Maria Luisa", den sie nicht mehr betreten dürfen – Einsturzgefahr. Geld fehlt auch für die psychologische Behandlung der schwer traumatisierten Kinder Auch nach sechs Jahren kann Christina noch nicht richtig begreifen, dass es Bilder aus ihrem Leben sind. Das 11-jährige Mädchen mit der immer schwächer röchelnden Mutter im Arm. Die unaufhörlich ausufernden Blutlache unter ihnen. Zuvor hatte Christina mit ansehen müssen, wie der eigene Vater im Vollrausch die Mutter in den Tod prügelte.

„An allen Wänden klebte Blut."

Christina atmet tief ein und aus, als wolle sie die Bilder aus sich herauspusten. Dann sagt die hübsche 17-Jährige: „Es ist wichtig, meine Geschichte zu erzählen. Wichtig für alle hier." Sie schaut aus dem Fenster. Antonia, 9, und Ivan, 7, toben mit Hund „Snoopy" über den Hof des Waisenhauses „Königin Maria Luisa". Deren Vater versuchte, die beiden Kinder in den Straßen von Plovdiv zu verkaufen. Er müsse etwas zu essen für die anderen acht Geschwister besorgen, so seine Erklärung.

Bulgarien. Da denken wir an die schönen Strände am Schwarzen Meer. Weniger wohl an verzweifelte Menschen. 80 Prozent leben unter der Armutsgrenze. Kein Land in Europa hat im Verhältnis so viele Heimkinder. Gewalt, Prostitution, ein Leben auf der Straße – jeder der 89 Bewohner hat traumatische Erfahrungen mit ins Heim „Königin Maria Luisa" gebracht. Und bis vor kurzem war es kein guter Ort, um die verlorene Kindheit nachzuholen. Deshalb ist es Christina wichtig, ihre Geschichte zu erzählen.

Sie erinnert sich. 1998 besuchte die BZ AM SONNTAG erstmals das Waisenhaus „Königin Maria Luisa". Damals war das Heim in der 350 000-Einwohner-Stadt Plovdiv (eine Stunde südlich von Sofia) eines der schlimmsten Bulgariens.

Heruntergestürzte Decken, Schimmel im ganzen Haus. Die Erzieher klagten: „Wir können uns nicht um die Kinder kümmern, weil wir in der Stadt um Essen für das Heim betteln müssen." Damals berichtete die BZ AM SONNTAG über diese vergessenen Kinder Europas. Und den Berliner „Verein zur Förderung bulgarischer Kinderheime", der zur Unterstützung dieses Hauses ins Leben gerufen wurde. Die ersten Spenden kamen von BZ-Lesern.

Tränen standen Christina und den anderen in den Augen, als sie im April den mit Spenden finanzierten, neu gebauten Seitenflügel beziehen konnten. Statt in düsteren, vom Einsturz bedrohten Schlafsälen leben sie nun in Wohngruppen, mit eigener Küche, Aufenthaltsraum und festen Ersatzeltern. „Plötzlich haben wir alle das Gefühl, dass wir zu Familien geworden sind", strahlt Erzieherin Dimittrina Bukova, 38. „Die Kinder nennen mich nun Mama." Diese Wohnform hat eine enorm wichtig Vorbildfunktion, um die katastrophalen Zustände in den anderen Heimen zu verbessern. Als etwa die kleine Maggie mit vier Jahren hierher kam, kannte sie nur ein einziges Wort: „Puste". Weil die ehemaligen Erzieherinnen sie immer mit zu heißer Suppe abfertigten.

Doch das alles ist erst der Anfang. Und deshalb will Christina mit ihrer Geschichte die Menschen in Deutschland zum Spenden bewegen. Noch muss sie sich mit sechs anderen Mädchen ein 12-Quadratmeter-Zimmer teilen, weil das Geld für den Wiederaufbau der anderen Gebäudetrakte fehlt. Hier soll auch ein Zentrum für psychologische Schulungen entstehen. Denn kaum ein Erzieher weiß, wie er mit der schweren Traumatisierung der Kinder umgehen soll – wie Christina lernen kann, mit den blutigen Bildern zu leben.

Zudem sind Ausbildungsstätten geplant. Und sie wären wichtig: Wenn die Jugendlichen das Heim verlassen, stehen sie ohne Qualifizierung auf der Straße, landen oft im kriminellen Milieu. Außerdem könnte so Geld für die knappe Heimkasse verdient werden. 50 Cent pro Tag stehen für die Komplettversorgung jedes Kindes zur Verfügung!

Wenn genug Geld fließen sollte, wird auch Malermeister Dieter Mathies, 63, aus Tempelhof wieder vor Ort sein. Der Ruheständler ist angereist, um eine tolle Aktion vorzubereiten. „Die Berliner Malerinnung möchte unentgeltlich Azubis in das Heim schicken, um für den Beruf zu qualifizieren", verkündet er stolz. Wie gut Spenden beim „Verein zur Förderung bulgarischer Kinderheime" aufgehoben sind, dafür steht, dass er von der Initiative „startsocial" unter der Schirmherrschaft von Kanzler Schröder als bestes Hilfsprojekt in der Region Berlin/Brandenburg ausgezeichnet wurde. Und wenn noch Geld zur Betreuung der Jugendlichen nach der Heimzeit übrig bleiben sollte, dann könnte sich auch Christinas Traum erfüllen: Ein Psychologie-Studium – damit sie der nächsten Generation von Heimkindern helfen kann.

Spendenkonto:
Berliner Bank, AG
BLZ: 100 200 00
Konto: 42 23 90 01 00

© B.Z. am Sonntag 28.07.2002