Pressemitteilunge und -berichte
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Die vergessenen Kinder von Bulgarien

Zwei Freundinnen schenken 120 Waisen ein neues Zuhause

Bulgarien. Ein Land mit schneeweißen Stränden, 280 Sonnentage im Jahr, romantischen Fischerdörfern. Und doch ist es bitterarm. Am schlimmsten betroffen: Kinder in Waisenheimen

Aufgeregt wirbeln die Kinder des Waisenhauses „Königin Maria Luisa“ in der bulgarischen Stadt Plovdiv über den Hof. Mitka trägt eine große Stoffrolle, Pettka (14) holt Wasser, Ivan (14) schleppt eifrig Bretter für ein Etagenbett, Kostadin (6) fegt einen Raum und Christin (15) stellt Stühle auf den Hof. Heute will jedes Kind unbedingt helfen. Denn dieser sonnige 1. November 2001 ist ein ganz besonderer Tag: Die Kinder ziehen in ein wunderschönes, neues Haus. Ein Haus, das ihnen zwei Frauen gebaut haben: Die Sonderschul-Pädagogin Christel Uebel (58) aus Berlin und die Unternehmerin Dona Koleva (61) aus dem bulgarischen Plovdiv. Zwei Freundinnen, die vom Schicksal dieser Kinder so erschüttert waren, dass sie unbedingt helfen wollten.

Die Geschichte beginnt im Winter ’97. Dona: „Es war furchtbar kalt. In diesen Tagen bekam ich von den Kindern des Waisenhauses einen Brief. Darin baten sie mich um Hilfe, weil sie Hunger hatten. Sie hätten doch gehört, dass meine Pharma-Firma gut läuft.“ Dona fährt sofort hin.

Für 55 Mädchen gab es eine Toilette

Dona: „Ich war schockiert. Die Kinder saßen zusammengedrängt in einem kahlen Raum, guckten in einen klapprigen schwarz-weiß Fernseher. Sie zitterten in ihren Winterjacken, Spielzeug gab es nicht. Nur ein kleiner Junge spielte mit einem alten Holzauto. Die Wände waren feucht, die Fußböden in einigen Räumen schon zusammen gebrochen. Es stank nach Urin – 55 Mädchen teilten sich eine Toilette und einen Wasserhahn. Anstelle von Armaturen ragten schwarze Schläuche aus den Wänden. Statt sich um die Kinder kümmern zu können, mussten die Erzieher jeden Morgen in der Stadt um Essen betteln. Denn das Heimbudget reicht gerade für ein Brot pro Kind pro Tag. Davon werden Kinder nicht satt und an Reparaturen ist gar nicht zu denken.“

Noch am gleichen Tag kauft Dona Lebensmittel für eine Woche. Und am Abend telefoniert sie mit ihrer Freundin in Berlin, erzählt von den traumatischen Kinder-Schicksalen.

„Mama zwang mich betteln zu gehen“

Da ist Ivan (14), der oft mit Minotschka, einer kleinen weißen Katze, schmust. Dabei hatte er schon versucht, sie zu erwürgen. „Meine Mama hat immer geschrien: Ich hab dich nur lieb, wenn du Geld ranschaffst. War es nicht genug, würgte sie mich.“ Ivans Körper war blau und verschwollen, als die Polizei ihn vor fünf Jahren ins Heim brachte.

Pettar und Christina leben seit sechs Jahren im Heim. Pettar: „Mein Stiefvater hatte Mama geschlagen. Er hörte gar nicht mehr auf. Überall war Blut. Wir haben geschrien. Mama lag in meinen Armen und auf einmal war sie tot...“

Kostadin (6) war ein Straßenkind. Eine Heimerzieherin fand ihn, als er in einer Mülltonne nach Essensresten wühlte.

Dafina (17) musste schon als 12-Jährige ganz alleine für ihre fünf Geschwister sorgen. „Meine Mutter ist Prostituierte. Sie kam nur, wenn sie ein Baby bekam. Wir wohnten mit der kranken Oma in einem Zimmer. Wir hatten zwei Betten: Eins für Oma, eins für uns fünf Kinder.“

Die halbe Nacht reden die beiden Frauen. „Danach stand für uns fest: Die Kinder haben genug gelitten! Wir helfen! Wir bauen ihnen ein neues Zuhause!“

„Die Kraft unserer Freundschaft machte stark“

Ein unglaubliches Projekt. Denn für den Bau der drei Häuser – zwei Wohn- und ein Sozialgebäude mit Lehrwerkstatt – werden 1,5 Millionen Mark gebraucht. Eine gigantische Summe. Doch die beiden Frauen glauben an ihre Kraft. Schließlich hat ihre Freundschaft schon andere Hürden bewältigt.

Dona und Christel lernten sich ’86 bei einer Kur in Friedrichsroda kennen. Damals lebte Dona noch in Deutschland. Sie besuchten Galerien und Theater, sonnten sich im Urlaub gemeinsam am Schwarzen Meer. Nach ihrer Scheidung zog Dona in ihre Heimat zurück. Dort wollte die promovierte Chemikerin eine Pharma-Firma aufbauen. Da Donas Geld dafür nicht reichte, lieh Christel ihr kurzerhand ihr gesamtes Vermögen: 150 000 Mark aus einer Erbschaft. Heute ist die Fabrik eine der modernsten Bulgariens mit über 100 Beschäftigten. Ein Erfolg, der die beiden Frauen auch für das Kinderheim-Projekt ermutigte.

Christel. „Um die größte Not zu lindern, sammelte ich zunächst Spenden von Freunden, schrieb Versandhäuser an. Nur eins antwortete: Otto. Für 3000 Mark erhielt ich Sachen. So kamen die Kinder über den ersten Winter.“

Anfang ’99 steht das Heimprojekt. Um die Finanzierung und den Bau zu ermöglichen, gründen die beiden Frauen Vereine – einen in Deutschland und einen in Bulgarien. Dona aktiviert bulgarische Firmen, die Handwerker schicken, Material spendeen. Christel sammelt Geld. „Wir übernahmen tausende Bilderrahmen von einer Konkurs-Firma, die wir an Wochenenden verkauften. Freunde aus dem Verein schrieben Firmen an, sprachen mit Politikern. Bulgarische Maler spendeten Bilder, die wir in Deutschland verkaufen.“ Doch manchmal kam trotzdem monatelang keine einzige Mark. Christel: „Dann war ich verzweifelt. Ich hatte doch den Kindern versprochen, zu helfen.“ Und so sucht sie mit Vereins-Freunden nach neuen Geldquellen. Sie spricht mit Richtern über Strafgelder, gewinnt die Orts-Zeitung. Nach drei Jahren ist das erste Haus fertig, stecken 270 000 Mark Spendengelder darin. Jetzt ziehen erst einmal alle 120 Waisen in das Haus, das eigentlich nur Platz für 48 Kinder hat. Doch schon im Frühjahr wollen die Frauen mit dem zweiten Haus beginnen. Wenn das Geld reicht.

Am Abend vor dem 1. November stehen Christel und Dona Arm in Arm vor dem neuen Haus. Plötzlich läuft ein kleiner Junge auf sie zu: Kostadin. Er umarmt die Frauen, flüstert: „Blagadarja! Danke!“

Die Situation in Bulgarien: In Bulgarien leben 8,2 Million Menschen. Die Arbeitslosigkeit liegt offiziell bei 16 Prozent, tatsächlich ist sie aber weit höher. Der Mindestlohn beträgt 79 Mark, die Rente für 40 Jahre Arbeit etwa 65 Mark. Die Heizkosten einer Zwei-Raum-Wohnung liegen bei 60 Mark im Monat, Strom kostet 15 Mark. Für eine Salami sind 20 Mark zu zahlen, für ein Kilogramm Schweinefleisch 10 Mark. 36 Prozent der bulgarischen Bevölkerung sind bitterarm. Deshalb verließen 700 000 Bulgaren in den letzten zehn Jahren ihre Heimat.

Die Not der Heimkinder: In kaum einem anderen Land Euopas leben so viele Kinder in Heimen, wie in Bulgarien. In den letzten zehn Jahren stieg die Zahl der Heimkinder in Bulgarien von 25 000 auf 35 000. Gleichzeitig sanken die staatlichen Zuschüsse um die Hälfte. Das reicht nicht einmal für die Ernährung. Denn für eine ausreichende Ernährung wären 2,80 Mark pro Kind nötig. Die Behörden stellen aber nur 48 bis 80 Pfennig zur Verfügung. Die Erzieher warten oft monatelang auf ihre Gehälter. Viele haben deshalb aufgegeben. In manchen Heimen gibt es nur einen einzigen Betreuer für 60 Kinder! Die Ausstattung der Kinderheime stammt meist aus den 60er/70er Jahren. Viele Kinder haben nicht einmal ein eigenes Bett. Die hygienischen Bedingungen sind katastrophal. Es fehlt an einfachsten Hygieneartikeln wie Toilettenpapier und Binden. TBC, Hepatitis und sogar Geschlechtskrankheiten sind nicht selten. Die Chancen auf eine Berufsausbildung der Kinder sind gleich Null. Damit ist die Gefahr des Abrutschens in die Kriminalität und Prostitution latent. In vielen Heimen herrscht auf Grund dieser Situation eine Atmosphäre der Trost- und Hoffnungslosigkeit.

Der Verein zur Förderung Bulgarischer Kinderheime: Anfang ’98 gründete Christel Uebel mit einigen Freuden den Verein, um die dramatische Situation in bulgarischen Kinderheimen zu verbessern. Die Rekonstruktion des Waisenhauses „Königin Maria Luisa“ umfasst den Bau von vier Gebäuden: drei Wohnhäusern und einem Ausbildungs- und Therapiezentrum, in dem die Kinder auch eine Berufsausbildung erhalten: als KFZ-Mechaniker, Friseur Bäcker und Koch. Das gesamte Projekt kostet etwa 1,5 Millionen Mark. Der Verein finanziert sich ausschließlich aus Spendengeldern. Es ist der erste Verein in Deutschland, bei dem jeder Spender im Internet den Eigang und die Verwendung seines Geldes einsehen kann.

Spendenkonto:
Berliner Bank
BLZ: 10020000
Konto: 42 23 900 100

Der Verein ist zu erreichen unter Tel.: 030/6453947 (ab 18 Uhr).

© Lisa 04.02.2001